Ankommen im Alpengarten Bad Aussee in der Steiermark
Bad Aussee ist tatsächlich der erste Halt auf meiner Österreichtour 2026. Die Kurstadt liegt im steirischen Salzkammergut. Ihre Entstehung verdankt sie dem Salzbergwerk bei Altaussee und den damit verbundenen Salinen. Mein Ziel liegt etwas außerhalb des Orts in einem aufgelassenen Steinbruch am Ischlberg. Ich besuche mit Ulrike Aljets den 1913 gegründeten und damit ältesten Alpengarten der Steiermark.
Weißblühender Blumenhartriegel, blauer Natternkopf, Echium vulgare, Papaver somniferum ‚Danebrog‘, (ohne geschlitzte Blütenblätter) sind innen und außen Zaungäste dieses Areals.
Der Alpengarten ist mittags der einzige Besuchspunkt unseres Anfahrttages nach Übelbach, da er wie folgt beworben wird:
„Auf rund 12.000 qm wachsen etwa 2.000 Pflanzenarten aus Gebirgsregionen der ganzen Welt. Neben alpinen Pflanzen gibt es verschiedene Themengärten, unter anderem für Heilpflanzen, Kräuter, Duftpflanzen und Orchideen.“
Bei der Planung lesen sich diese 12000 qm ganz gewaltig und ich nehme auch an, dass es ziemlich bergauf geht. Darum reserviere ich praktisch den kompletten Nachmittag für den Alpengarten und für das Café, das sich im Eingangsbereich befindet. Dummerweise fängt es bei unserer Ankunft zu nieseln an, also beginnen wir die Gartenbesichtigung etwas unüblich mit dem Genuss von Kaffee und Kuchen. Dort erfahre ich auch, dass es kein Problem ist, den Alpengarten auf meiner Website vorzustellen und dass ich, irgendwo zwischen Steinbrech und Orchideen, sicher auch den Gärtner für das obligatorische Video finden werde.
Wir laufen unten an einem großen Gebäude vorbei und sehen beim Hochlaufen zum Café, das genau in unserer Sichtachse liegt, auf der linken Seite ein drittes kleines Holzhaus, das als Ausstellungsraum genutzt wird. Nach dem Kaffeetrinken beginnen wir unseren Rundgang oben auf der linken Seite und drehen dort eine große Runde, bevor wir uns unten am Eingangsgebäude angekommen, auf die andere Wegseite begeben. Auch dort absolvieren wir eine Runde, diesmal von unten nach oben, was insgesamt ungefähr einer Wegführung entspricht, die einer riesigen Acht nachempfunden ist. Ich will es für den geneigten Leser mit den Worten des hiesigen Gärtners Thomas Steiner ausdrücken: „Ich schätze die stark betütelte Fläche (Wegerl, Rasen, Staudenanlagen) auf etwa 8000 m². 12000 m² umfasst das Alpengartengelände dann, wenn man die Felswand samt dem Rundweg dorthin, das Spielplatzgelände und das ehemals umzäunte Waldgelände, mit dazurechnet.“ Und genau auf die betütelte Fläche möchte ich Euch jetzt mitnehmen und dabei etwas über die interessante Historie der Anlage erzählen.
Rundgang durch die „stark betütelte Fläche“ des Alpengartens Bad Aussee
Friedrich Selle, der botanisch und naturphilosophisch interessierte evangelische Pfarrer in Bad Aussee, begründete mit Hilfe des eigens dafür gegründeten Alpenpflanzen-Garten-Vereins, dieses Projekt. Die im Folgejahr 1914 geplante feierliche Eröffnung kam wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges nicht zustande. Eine ungewöhnliche soziale Komponente der frühen Geschichte war die Beschäftigung von kriegsbeschädigten Soldaten, die Pfarrer Selle ab 1917 im Alpengarten beschäftigte.
Silene fimbriata, Bewimpertes Leimkraut – Phuopsis stylosa, Scheinlabkraut – Chiastophyllum oppositifolium, Goldtröpfchen
Ein erster Pflanzenkatalog, der 1919 erschien, verzeichnete bereits mehr als 600 Arten – das war eine beachtliche Leistung für die damalige alpine Pflanzensammlung. Während der Zwischenkriegszeit, dem II. Weltkrieg und den Nachkriegsjahren hatte der Garten immer wieder mit Geldmangel und organisatorischen Problemen zu kämpfen. Die Jahre 1953 – 1959 führten zum entscheidenden Tiefpunkt. Die Pflege wurde völlig eingestellt, der Garten verwilderte.
Was im Jahre 1913 als botanisch ambitionierte, private Initiative gegründet wurde, schien nach Jahrzehnten wechselvoller Entwicklung und völliger Verwilderung restlos gescheitert zu sein. 1959 kam schließlich durch die Gemeinde die Rettung und der Alpengarten wurde zu dem Areal weiterentwickelt, das man heutzutage besuchen kann.
Nachdem die Gemeinde Bad Aussee den Garten übernommen und die „Wiederauferstehung“ eingeleitet hatte, entstand parallel ein Verwaltungskuratorium mit der Gemeinde, dem Land Steiermark und dem Naturschutzbund. Der Gärtnermeister Alfred Schlacher übernahm die schwierige Aufgabe der Wiederinstandsetzung und Neugestaltung des Geländes.
In den 1960er Jahren wurde der Garten erweitert und erhielt unter anderem einen Teich für Wasserpflanzen und ein kleines Hochmoor. Das benachbarte Gärtnerhaus wurde 1965 von der Gemeinde gekauft. Aus der ursprünglich privaten Initiative entstand zunehmend ein öffentlich getragener alpiner Schaugarten, der eine hochwertige botanische Sammlung, Naturschutz und Gartengestaltung miteinander verbindet.
Seit 1994, also mehr als 30 Jahren, leiten Dipl.-Ing. Thomas Steiner und seine Frau Anna Steiner den Alpengarten. Diese Kontinuität ist in der schnelllebigen heutigen Zeit etwas Kostbares und Seltenes, was dem Garten und seiner Pflanzenqualität jedoch sehr guttut. Ulrike und ich sind immer noch im linken, oberen Teil unterwegs. Nieselregen begleitet uns, trotzdem bleibe ich plötzlich abrupt stehen.
Bei der Blockhütte finde ich nämlich mehrere unterschiedliche Orchideengruppen. Cypripedium kentuckense, der Kentucky-Frauenschuh ist gerade in voller Blüte, genau ihn habe ich entdeckt. Auf der Suche nach weiteren Frauenschuhen trete ich zwischen die Bäume, die den Weg flankieren. Orchideen gibt es hier keine, aber ich stehe plötzlich vor dem Leiter des Alpengartens. Thomas Steiner kauert auf der Erde, lässt sich vom Nieselregen nicht stören und ist mit frisch getopften Jungpflanzen beschäftigt. Nach einer sehr netten Unterhaltung räume ich das Feld und Ulrike Aljets sorgt dankenswerterweise wieder für ein Video mit dem Gärtner.
Es war tatsächlich ein großer Glücksfall, dass wir ihn vor Ort angetroffen haben. Denn entgegen meiner sonstigen Gewohnheit habe ich den Leiter des Alpengartens nicht im Vorfeld angeschrieben.
Allium insubricum, Südalpen-Lauch – Campanula persicifolia davor Hibiskusblätter – Digitalis grandiflora, Großblütiger Fingerhut
Die Pflanzen im Alpengarten sind sehr gut beschildert. Aber natürlich erwischt man manchmal eine Staude, der ein Namensschild fehlt. So ging es mir ausgerechnet mit der mysteriösen Glockenblume. Sie hatte zwar mir bekannt scheinende Blüten, aber die großen Blätter wirkten doch so, als hätte ich auf meinem Foto eine total seltene Art abgebildet. Google-Suche ergab nichts, die Blätter waren völlig untypisch für Campanula. Ich fragte die KI, ob sie eine Meinung hätte, sie nannte mir mehrere Arten, zu denen die Blüten passten, aber nach meinem Hinweis, dass die Alle andere Blätter hätten, hatte sie keine Meinung mehr. Als ich am Abend im Messenger Olaf Grabner, Chefgärtner bei Nepal Pagode, Wiesent, schrieb, fiel mir ein, dass er sich gut mit den Stauden des Himalayas auskennt, und ich zeigte ihm das Bild mit der Glockenblume. Er zögerte nur kurz und meinte dann, das könnten seiner Meinung nach zwei verschiedene Pflanzen sein. Am nächsten Tag kam eine Mail von Thomas Steiner, der mir bestätigte, dass sich da Hibiskusblätter vor die Campanula persicifolia gedrängt hatten. Dieses Vorkommnis hat mir wieder einmal die Grenzen der KI und von PflanzenApps gezeigt, die ich genau darum nur benutze, wenn ich bereits in eine bestimmte Richtung tendiere.
Roscoe x beesiana, Ingwerorchidee – Rehmannia elata, Chinesischer Fingerhut – Eryngium x zabelii, Garten-Mannstreu
Ich sehe immer wieder besondere Pflanzen. Sie sind Gott sei Dank alle gut beschriftet. Über die Entdeckung des Österreichischen Ehrenpreis in diesem Garten freue ich mich besonders. Leider kann ich nicht mehr genau nachvollziehen, ob ich ihn im Bereich der „Karbonatschuttfluren“ oder dem „Alpinen Rasen über Kalk“ gefunden habe.
Veronica austriaca, Österreichischer Ehrenpreis – weinroter Penstemon – Salvia nemorosa ‚Caradonna‘
Der Hang ist sehr schön angelegt Dictamnus albus ‚Albiflorus‘, Weißblühender Diptam, leuchtet weithin. Ich erreiche für einige Meter den Hauptweg vom Café zum Ausgang, und laufe den Hang entlang.
Ich laufe den rechten Hang ganz nach unten und um die zweite Runde zu drehen, bei der es nicht mehr so sehr nach oben, sondern eher nach unten geht. Meine Befürchtung viele Steigungen und steile Wege laufen zu müssen, tritt nicht ein und so ist die Fotorunde nicht übermäßig anstrengend.
In den Randbereichen der beiden Gartenrunden finden sich immer wieder Bäume oder Gehölzgruppen. Das kommt vielen Pflanzen, die nicht aus dem Alpinbereich kommen, wie hier einem Podophyllum versipelle, dem Chinesischen Maiapfel, zugute.
Mit gut gestalteten Infotafeln klärt der Alpengarten über Besonderheiten in der vorhandenen Tier- und Pflanzenwelt auf. Sie beinhalten Informationen über Vögel, Reptilien und Pilze genauso, wie über Orchideen, Sukkulenten oder Giftpflanzen.
Gentiana lutea, Gelber Enzian – Salvia nemorosa ‚Caradonna‘, Salbei – Arisaema erubescens, Feuerkolben
Während die blauen Frühlingsenziane längst verblüht sind, ist der hoch aufragende Gelbe Enzian umso besser zu erkennen. Der Feuerkolben dagegen zieht sich etwas in den Halbschatten zurück, er scheut pralles Sonnenlicht.
Besonders interessant finde ich, dass hier auf etwa 800 m Höhe nicht nur europäische Gebirgspflanzen gezeigt werden. Unter den ca. 2000 Pflanzen-Arten und -Sorten finden sich europäische Wildstauden wie Glockenblumen genauso, wie der Aquilegia canadensis Sämling, eine nordamerikanische Akelei. Während unsere europäischen Akeleien häufig blau sind und damit die Lieblingsfarbe der Wildbienen zeigen, welche diese am besten erkennen können, ist die Akelei in Nordamerika gerne reinrot, was wiederum die am besten erkennbare Farbe der Vögel ist. In diesem speziellen Fall betrifft es die Kolibris, welche die langspornigen Akeleien bestäuben.
Für die alpinen Spezialisten gibt es verschiedene Kulturbedingungen. Während Saxifraga longifolia, der Lange Steinbrech seine überdimensional langen, mächtigen Blüten gerne im Tuffstein aus seinen Rosetten heraus entwickelt, gedeihen andere besser zwischen harten Basaltsteinen. Herkömmliche „Steingartenbeete“ sehe ich gar nicht viele. Dafür entdecke ich mehrere Spaltengarten-Formationen. Auf dem senkrechten Foto ist ein perfekt aussehendes Spaltenbeet zu sehen. Die größte Spaltengarten-Formation befindet sich auch hier im untersten Bereich – sie wird wegen ihrer Form „Rampe“ genannt. Die Spaltenbewohner, die hier ausgepflanzt sind, könnten auf Dauer in normalen Steingärten nicht überleben.
Um eine Wasserstelle herum finden sich seltene Farne und andere feuchtigkeitsliebende Stauden. Weiter oben existiert auch ein kleines Moorbeet. Wer gerne in der Natur wandert und das Wasser und das Moor ein paar Hausnummern größer erleben möchte, dem sei der NEZA-Weg empfohlen, der hier beim Alpengarten beginnt und an einem großen Moor vorbeiführt. Auf der Moorwiese kann man so manche zoologische und botanische Besonderheit entdecken. Von Bergen umgeben führt der Weg zum Sommersbergsee. Wer eine gute Kondition hat, kann bis zur Panoramastation am Ischlberg weitergehen.
Unsere Zeit ist ja leider begrenzt und wir müssen uns nun verabschieden. Lieber Thomas Steiner, wir danken dafür, dass wir hier sein durften, ich die Erlaubnis bekommen habe, den Alpengarten Bad Aussees auf meiner Website vorstellen zu dürfen und Sie spontan positiv reagiert haben, als wir sie um ein Video baten. Ihnen und Ihrer Gattin alles Gute und schön, dass es Menschen gibt, wie Sie Beide, die sich so für den ältesten Alpengarten der Steiermark einsetzen.
Alpengarten Bad Aussee
Adresse: 8990 Bad Aussee, Ischlbergstr. 38, Steiermark / Österreich
Kontakt zum Leiter des Alpengartens Dipl.-Ing. Thomas Steiner: E-Mail: annathom@gmx.at Tel.: 004367683622543
