Arundel Gardens, gelungener Spagat zwischen den Zeiten.

Arundel, The Collectors Earl's Garden

Ankommen in Arundel

Auch wenn die Ortschaft Arundel, am Fluss Arun gelegen und der Grafschaft West Sussex zugehörig, bereits in der angelsächsischen Zeit, lange vor der Burg existierte, so ist doch Arundel Castle, das große Highlight und der Touristenmagnet in der Region. Die Burg wurde im 11. Jahrhundert (nach der normannischen Eroberung) von Eduard dem Bekenner als Festung mit Zinnen und Zugbrücken auf einer Motte als Erdhügelburg erbaut. Roger de Montgomery, 1. Earl of Shrewsbury, vollendete und erweiterte den Bau am Ende des 11. Jahrhunderts. Das förderte auch die Entwicklung der Ortschaft Arundel. Es gab später erneut Erweiterungen, so dass aus der Burg ein komfortables, standesgemäßes Schloss der Earls of Arundel entstand. Nach der Beschädigung im englischen Bürgerkrieg wurde die Burg im 18. und 19. Jahrhundert restauriert. Seitdem gilt sie als eine der besterhaltenen mittelalterlichen Burgen und als eindrucksvolles Schloss in Großbritannien, das bis heute der standesgemäße Sitz der Earls of Arundel ist.

Inzwischen gründete der 17. Herzog (der jeweilige Earl of Arundel darf sich seit 1660 auch Duke of Norfolk nennen) eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung, um die Zukunft des Schlosses zu sichern. Größtenteils ist das Gebäude gegen Eintritt zur Besichtigung freigegeben. Spaziert man im Parkbereich zu den verschiedenen Gartenbereichen, so bildet die Front des Schlosses, das eine Hufeisenform besitzt, den imposanten Hintergrund. Gut gelungen ist die Verbindung der mittelalterlichen Substanz, wie dem an der Südspitze liegenden Bergfried und dem Torhaus, die ursprünglich aus der normannischen Zeit (11. u. 12. Jhdt.) stammen und der prächtigen, viktorianisch neugotischen Architektur (19. Jhdt.) die das Bild des Märchenschlosses komplettiert.

Die Gärten in Arundel

Mein Weg führt wie eine Mondsichel durch den “Unteren Rasen” und steuert direkt auf den ‘Rose Garden’ zu. Den preisgekrönten Wassergarten lasse ich auf der rechten Seite unbeachtet. Die Ausmaße des Landschaftsparks von Arundel betragen ca.18 ha. Darum kann ich das Wasser und das reetgedeckte Bootshaus von meinem Weg aus nicht sehen. Die Wege sind sehr weitläufig. Das Schloss kann ich mit seiner exponierten Lage, von fast allen Stellen im Garten aus, sehr wohl sehen, wenn mir nicht gerade einer der mächtigen Baumriesen, wie die uralten Korkeichen oder die Ginkgobäume, die Sicht versperren. Ich möchte mir gerne die verschiedenartigen Themengärten ansehen. Oft garniert das erhöht liegende Schloss im Hintergrund, oder gegenüber am anderen Gartenende die große Kathedrale von Arundel, die Sichtachsen aus den Gärten heraus.

Der Rosengarten

Weit abseits der anderen Themengärten befindet sich ‘The Rose Garden’ unmittelbar unter der Schlossfront auf dem ehemaligen mittelalterlichen Bowlingplatz aus dem 18. Jahrhundert. Zwar ist der Garten von grünen Hecken umgeben, trotzdem muss ich lachen, als ich lese, dass er als “Geheimer Garten” bezeichnet wird. Vom Schloss oben kann man direkt in den Garten schauen.

Aber ich muss ehrlich sein, die Sichtachse durch die gotischen Torbögen hindurch und hinauf auf die mächtige Hauptfront des Schlosses, das hat schon was. Der starke Duft der alten englischen Rosen, die vor kurzem neu aufgepflanzt wurden, unterstreicht das besondere Flair dieses ‘Secret Gardens’. Herzogin Georgina legte diesen, dem Eingangsbereich am nächsten liegenden Rosengarten, an. Bepflanzt ist er mit den Rosen ‘Kiftsgate’, ‘Mme Isaac Pereire’, ‘Adélaide d’Orléans’, ‘Falstaff’, ‘Winchester Cathedral’ ‘Desdemona’ und ‘Olivia Rose Austin’. Insgesamt sind es an die 20 verschiedenen Rosen aus alter Zeit und einige modernere Züchtungen von David Austin.

Der Weiße Garten und die ‘Fitzalan Chapel’

Die “Fitzalan Kapelle” ist heute ein privates Mausoleum und wird als Grabstätte für die Herzöge von Norfolk genutzt. Ihr vorgelagert ist der Weiße Garten. Schmuckkörbchen, Spinnenblumen, Steppenkerzen und ebenfalls in Weiß, Eisberg-Rosen, liefern die dem Garten namensgebende Farbe.

Die ‘Fitzalan Chapel’ in Arundel wurde um 1380 im Stil der Englischen Gotik errichtet. Ich habe eine große Affinität zum ‘Perpendicular Gothic Style’, wie diese spätmittelalterliche Architektur auf der Insel genannt wird.

‘The Collector Earl’s Garden’

Von der Kapelle ist es nicht mehr weit bis zum Eingang in den ‘Collector Earl’s Garden’. Dieser ummauerte Garten ist für mich das magische, grüne Herz der Anlage. Das sehe offenbar nicht nur ich so, internationale Auszeichnungen bestätigen es. 2008 wurde dieser Garten vom damaligen Prince of Wales, Charles, eröffnet. Der Name dieses Gartenteils ehrt den 21. Earl of Arundel Thomas Howard (1585-1646), der ein großer Kunstsammler war und unter dem Namen ‘The Collector Earl’ bekannt war. Der Garten birgt viele Überraschungen und ich gehe, gespannt wie ein Flitzebogen, durch das hohe rote Tor in der Mauer hinein. Als erstes betrete ich den ‘Upper Level’, also die obere Ebene, die mich in ihrer Renaissance Verspieltheit an die Maurischen Palastgärten Spaniens erinnert.

Ich laufe im Schatten der kleinen Höfe die alten Hainbuchen und die Eichenpagoden entlang. Holzbauten, Wasserspiele, also Brunnen, Fontänen und ein Wasserkanal, der den Fluss Arun darstellt, empfangen mich nach dem Garteneingang und ziehen mich sofort in ihren Bann. Die Höhenabstufung der beiden Ebenen bemerke ich erst, als ich die dominanten Pergola-Strukturen durchschreite, um in den ‘Lower Level’ auf die “Untere Ebene” zu gelangen. Was für ein Kontrast wird mich erwarten? Was wird dem Brunnengeplätscher der englischen “Alhambra” folgen?

Einen Schritt hinter der Pergola-Abgrenzung befinde ich mich plötzlich in der “Neuen Welt”. Der ‘Lower Level’ öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine weitläufige Riesenfläche mit akkurat geschnittenem, mittigem Rasen, auf dem großzügig gestaltete Inseln mit Palmen, Cannas, Bananenstauden und anderen botanischen Kostbarkeiten zu entdecken sind. Im Randbereich bauen sich die üppigsten Pflanzenkombinationen, gekonnt gestaffelt, bis weit nach oben auf. Plötzlich fühle ich mich als kleiner Störenfried, den die Pflanzen von ihren Rangplätzen aus mustern. Dann versinke, ich in übermütiger “Samba” Laune, in diesem prachtvollen Gartenteil, in dem die Stars unserer eigenen Staudenbeete, wie langblühende Dahlien und Sonnenhüte, nur Statistenrollen einnehmen.

So, wie die profane Schlossanlage Arundels auf ihrem Hügel thronend über den Park bis zur ‘Fitzalan Chapel’ dominant präsent ist, so finde ich nun außerhalb der Gartenmauer des ‘The Collectors Earl’s Garden’ das gegensätzliche sakrale Pendant, die neugotische Kathedrale von Arundel, die 1873 ursprünglich als Pfarrkirche errichtet worden war. Sie ragt hinter der exotischen Phantasiewelt dieses und folgender Gartenteile auf, aber gerade hier und in der Stumpery wirkt sie auf mich als Kulisse besonders beeindruckend. Einmal jährlich, zu Fronleichnam, kommt ein kleines Puzzleteil des Gartens direkt in die Kathedrale. Früher waren die Earls allein dafür zuständig, Blüten und Blätter für den berühmten Blumenteppich anzuliefern und im Mittelgang auslegen zu lassen. Heute ist es das Werk Vieler in der Gemeinde, aber natürlich dienen nach wie vor auch Blüten und Farnblätter des Parks zur Gestaltung des Blumenläufers zu Fronleichnam.

Natürlich sind die beiden unterschiedlichen Gestaltungskonzepte des zweigeteilten ‘The Collectors Earl’s Gardens’ sehr spannend und reizvoll. Nach der strengen jakobinischen Struktur der “Oberen Ebene”, die durch die Wasserspiele aufgelockert wird, stehe ich jetzt am Ende der “Unteren Ebene” mit der überbordenden Üppigkeit und Pracht der Pflanzen, die sich aus dem kurzgeschnittenen, makellosen Englischen Rasen verschwenderisch aufbaut. Dieser überschäumende Gartenteil wird nun wieder mit dem strengen Hintergrund der Kathedrale und dem ‘Oberon’s Palace’, etwas zur Fasson gebracht. Das mystische, fast wie ein Tempel anmutende Gartenhaus, erbaut aus Eichenholz, steht etwas erhöht mitten in einem kleinen Felsengarten. Überraschend ist der Anblick beim Betreten des “Oberon-Palastes”, denn, über einer Wasserfontäne schwebt scheinbar schwerelos eine vergoldete Krone.

Die ‘Stumpery’ in Arundel

Es ist kaum zu glauben, dass sich hier im ‘The Collectors Earl’s Gardens’ und der ‘Stumpery’ ehemals der Parkplatz von ‘Arundel Castle’ befunden hat. Die hohe Kathedrale und die Parkmauern, bescheren den beiden Gärten ein geschütztes Kleinklima. Auch hier ist der Kontrast wieder sehr reizvoll. Die Ausstrahlung des Gartenteils, den ich soeben verlasse, ist wie karibisches, buntes Sonnenflair. Jetzt tauche ich ein in einen Halbschattengarten mit fantastischen, spannenden Grünstrukturen und Totholz, das alles andere als tot ist.

In der ‘Stumpery’ wurde nicht gekleckert, sondern mit großen Baumstümpfen geklotzt. Dieser Waldschattenbereich ist nicht groß, aber von erster Güte. Die bizarren Eiben- Eichen- und Edelkastanienstümpfe erinnern an den Sturm vom Oktober 1987, dem sie seinerzeit zum Opfer fielen. Heute sind sie umgedreht in der Erde versenkt und bilden den Grundstock der ‘Stumpery’ Arundels. Der Baumstumpfgarten ist inzwischen zu einem wunderbaren Biotop verschmolzen und gehört ebenfalls zu den preisgekrönten Gartenteilen.

Der ausgefallenen Buntheit des Gartens zuvor wird hier ein Stück bewahrendes Grünland entgegengesetzt, das ein Stück magischer Ewigkeit beinhaltet. Die Baumfarne, die in der ‘Stumpery’ eingestreut sind, betonen dieses Gefühl, das mich hier stark überkommt. Ich entdecke einige Martagon-Lilien, die sich gut in diesen Garten einfügen. Auf einigen Baumstümpfen ist ein jeweils eigenes Klein-Biotop entstanden.

 ‘Claire-voie’, Heckendurchsichten auf dem Weg zur Wildblumenwiese

Ich sehe durch ein “Heckenauge” vom Baumstumpfgarten aus schon den Weg zum Küchengarten. Ein weiteres ‘Claire-voie’ lässt mich überrascht Luft holen.

Der Head Gardener Martin Duncan hat nicht nur die Stumpery naturnah gestaltet. Es gibt auch einige Blumenwiesen auf dem weitläufigen Gelände. Duncan liebt es, Wiesen mit Klatschmohn, Leinkraut, Mädchenauge, einjährigem Rittersporn oder der Gartenmelde zu beleben, aufzuhübschen und damit kleine Insektenparadiese im Park einzustreuen. Der Naturschutz ist ihm äußerst wichtig.

Das tropische Glashaus und der Küchengarten

Der historische Küchengarten präsentiert sich parallel mit Obst- und Gemüseanbau. Das viktorianische, renovierte Wein- und Pfirsichhaus aus dem Jahr 1852 steht im Zugangsbereich des ‘Organic Kitchen Garden’. Darin gedeiht subtropisches Obst und Gemüse.

Ende der 1990er Jahre kümmerte sich die Herzogin intensiv um die Aufwertung ihres ‘Potager’. Seitdem wird die Schlossküche mit Obst, Salat, Kräutern und Gemüse in bester Bio-Qualität beliefert.

Bedingt durch die naturfreundliche Mischpflanzung, verläuft der Übergang zum Schnittblumengarten, sehr harmonisch. Der Blumengarten wird begrenzt vom Nachbau eines alten viktorianischen Tropenhauses.

Der Schnittblumengarten und der Weg zurück zum Ausgang

Der Schnittblumengarten erfuhr, ähnlich den Mixed-Bordern und Staudenbeeten eine behutsame, zeitgemäße Umgestaltung. Viele Buchspflanzen mussten weichen, die Eiben wurden neu in Form geschnitten. So entstand ausgerechnet in diesem Bereich noch einmal ein formaler Garten. der die bunten Beete einfasst und ihnen auch dann Struktur und harmonische Schönheit verleiht, wenn die Schnittblumen in zu großem Maße geerntet wurden.

Es ist großartig, wie Edward William Fitzalan-Howard, als 18. Herzog von Norfolk, die Gestaltung der Gärten, auch mit eigenen Ideen, vorangetrieben hat. Der Head Gardener Martin Duncan würdigt die gärtnerische Leidenschaft des Herzogs und seiner Ehefrau Georgina uneingeschränkt. Auch wenn der Herzog sehr einflussreich ist und mit seinem Titel auch die Mitverantwortung für die Krönungszeremonien in Großbritannien geerbt hat, so war er stets darauf bedacht, dafür zu sorgen, dass Arundel nicht nur eine standesgemäße Residenz ist. Mit Martin Duncan hat er seit über 15 Jahren einen großartigen Chefgärtner an seiner Seite.

Die Schlossgärten wurden mehrfach ausgezeichnet. Nachdem sie zu den drei besten Gärten Großbritanniens gewählt worden waren, nehmen sie nun auch bei den “Great Gardens of the World” teil, einem wichtigen internationalen Netzwerk. Aktuell war die Verleihung des Preises: “Historic Houses Garden of the Year Award 2025”. Und wenn ich die Ambitionen und Voraussetzungen richtig einschätze, werde ich wohl noch öfter von Arundel Castle und seinen besonderen Gärten hören.

Schade, dass mir keine Zeit mehr für den Wassergarten geblieben ist. Duncan ließ aus drei Fischteichen einen Großen gestalten. Im Uferbereich gibt es die Möglichkeit direkt durch die Natur zu spazieren und ein wenig, von dem in allen Gartenbereichen Erlebten, herunterzukommen. Ich nehme dafür das große Paket fantastischer Eindrücke direkt mit in den Bus. So gehe ich noch einmal ein paar Dutzend Meter in den Kraftort ‘Collectors Earl’s Garden’ hinein. Als ich das große rote Tor in der Mauer ein letztes Mal durchschreite, fühle mich reich beschenkt.

Wer übrigens zur Tulpenblühzeit in West Sussex unterwegs ist, der sollte sich das größte Tulpenfestival Großbritanniens, das Martin Duncan in Arundel im Jahr 2011 ins Leben gerufen hat, nicht entgehen lassen. Das Zentrum bildet ein Tulpenlabyrinth mit etwa 30 000 roten Tulpen ‘Apeldoorn’ und ‘Kingsblood’. Als Kontrast werden ca. 20 000 schneeweiße Narzissen der ‘Thalia’ Sorte gepflanzt. Es werden jährlich Tulpen in 5-stelliger Höhe auf dem weitläufigen Gelände ergänzt.

Arundel Castle

Adresse: Arundel, West Sussex BN18 9AB, GB

Kontakt: Tel.: 00441903 882173 Mail: visits@arundelcastle.org

Website: www.arundelcastle.org

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