
Ganz nahe beim Wintergarten ist die “Ahornecke” von Wurzerlsgarten. Der Name kommt vom rotblättrigen Fächerahorn, der mit seiner Blätterkrone das Frühlingsbeet beschirmt. Zu seinen Füßen gedeihen nacheinander oder miteinander Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokusse, Kissenprimel, Blausternchen, Hasenglöckchen und Prärielilien.
Der Ahorn liebt seinen bunten Blütenteppich und achtet darauf, nicht zu früh seine Blätter zu bekommen, damit die Kleinen genug Licht und Feuchtigkeit erhalten, um gut gedeihen zu können. Wenn der kleine Baum ab Oktober die Blätter abwirft, beginnen sich schon die ersten Primelblüten zu zeigen. Sobald Ende April die Prärielilien ihr Blau in den Himmel schieben, legt der Ahorn sein Blätterkleid erneut an und zeigt sich bis zum Herbst in den verschiedensten Rottönen.
Auf der Seite des Teichufers blühen im Mai einige Frauenmäntel in Gelb. Sie haben sich dort, obwohl es nur Kieselsteine in verschiedenen Größen rund um den Teich gibt, auf Wunsch der Blumenelfe niedergelassen. Die Bergmolche haben hier seit langem ihr Winterquartier und sie wünschten sich eine Zudecke über den Steinen, damit sie mehr Schutz vor Schnee, Eis und Sturm haben. Die alten Blätter werden auch immer als Allerletzte im Frühling abgeschnitten, sobald Wurzerl entdeckt, dass die Bergmolche wieder in den Teich zurückgekehrt sind. Stundenlang steht Wurzerl dann am Teichufer, denkt daran, wie seinerzeit der erste Molch “Schwupps” in ihren Garten kam, wie Tönnchen, die Plattbauchlibellenlarve das Fliegen lernte und schon nach kurzer Zeit eine Molchdame in den Teich gelangte und mit “Schwupps” eine Familie gründete.
Wurzerl liebt alle Tiere und Pflanzen in ihrem Garten, aber für den roten Ahorn, der gerade mal so hoch ist wie sie selbst, da hat sie eine besondere Schwäche. Der Ahorn steht nur auf einem kurzen Bein, das nicht höher wächst, aber die Baumkrone wird immer umfangreicher und bedeckt inzwischen das komplette Frühlingsbeet, als wolle es all die kleinen Pflänzchen an seinem Fuß behüten.
Der Ahorn spürt Wurzerls Zuneigung und wenn sie ihn betrachtet, dann bewegt er sanft seine Blätter und lässt sie im Gegenlicht der Sonne wie kleine geschliffene Rubine aufleuchten. Das macht ihn glücklich! Eines Tages ändert sich das jedoch, wie immer im Leben gibt es Ereignisse, die den gewohnten Trott durcheinanderbringen.
Wurzerl hat ein kleines Bäumchen geschenkt bekommen. Es sollte nicht höher als das Paradiestor werden und galt als die am frühesten blühende Zierkirsche überhaupt. Wurzerl pflanzt das Bäumchen direkt auf die andere Teichseite im unmittelbaren Blickfeld des Ahorns. Als nun die Gartenbewohner das große Frühlingsfest feiern, da lässt sich die Kirsche nicht lange bitten und blüht als erstes Gehölz im Garten auf, um das Fest noch feierlicher werden zu lassen. Sie denkt sich nichts dabei, freut sich nur sehr, dass sie hier ein neues Zuhause gefunden hat.
Der Ahorn steht mit seinen nackten, kahlen Ästen und Zweiglein fassungslos da und schaut hilflos zu. Als die wenigen Blüten unter ihm, die nicht auf der Blumenwiese mittanzen, sich sehr angetan über die Kirschblüten äußern, fühlt sich der Ahorn hässlich und nutzlos. Plötzlich laufen ihm Tränen aus der Rinde heraus, so fassungslos ist er geworden. Er ist todtraurig, aber niemand auf dem Frühlingsball sieht seine Tränen oder hört sein Seufzen. Niemand? Aber ja, die feinen Sensoren der Blumenelfe haben durchaus bemerkt, was dem knorrigen, kleinen Ahorn gerade widerfährt.
Am nächsten Morgen fliegt die Elfe zum Wurzerl in den Wintergarten und sie beraten sich, was zu tun ist. Der Ahorn stammt aus den tropischen Regengebieten in Japan und kann natürlich nicht einfach ausschlagen, wann er möchte. Seine feinen Blätter und seine zarten Blüten brauchen warmen Regen und milde Frühlingsluft. Dann kann es aber durchaus passieren, dass die Baumkrone in einer einzigen Nacht mit einiger Anstrengung, die Schutzhüllen der Knospen sprengt und der Ahorn am nächsten Tag komplett errötet in seinem Frühlingsbeet steht.
Wurzerl und die Blumenelfe sind sich einig. Ein Geschöpf liebzuhaben, das allein genügt nicht, es braucht auch regelmäßig Lob, Selbstbestätigung, Anerkennung, Zuspruch und auch einmal ein Dankeschön. Genau das ist die Lösung. Eine Abordnung aller Blumenfamilien, die im Schutz des Ahorns wachsen, wird zu einer Besprechung in den Vorgarten gebeten, damit der Ahorn nichts mitbekommt. Drei Tage später, nachdem alle Blumen mit “Stiller Post”, über die Wurzeln Bescheid bekommen haben, was zu tun sei, ist es so weit. Die Blumen wispern für den Ahorn ein ergreifendes Liebeslied, dann ergreift Wurzerl das Wort.
“Lieber Freund, wir wollen dir heute Alle zusammen danken, dass es dich gibt. Du bist das Herz des Frühlingsgartens, darum ist er auch nach Dir “Ahornecke” genannt worden. Ohne dich gäbe es diesen Garten nicht so, wie er heute ist. Im Schutz deiner Wurzeln gedeihen so viele kleine Zwiebelblüher, die du das ganze Jahr über beschützt. Du bekommst deine Blätter so spät, dass sie genug Licht haben, um zu blühen und ihre Blätter aufzufalten. Du legst dir dein Laubdach zu, wenn die Zwiebeln Trockenheit brauchen, damit sie Kraft schöpfen können für das nächste Jahr. Deine Wurzeln sorgen den Rest des Jahres dafür, dass die Zwiebelchen nicht in ihrer Ruhezeit gestört werden. Deine Äste hängen so tief, dass die Vögel darauf verzichten unter dir auf Nahrungssuche zu gehen. So können die Ameisen gefahrlos die neuen Samen der Blumen im Garten verteilen. Das hat erst die Blumenwiese möglich gemacht und so viele Farbtupfer in den ganzen Garten gebracht. Und wenn du dich im Herbst von deinem filigranen Laub trennst, so wirfst du es auf die Frauenmantelblätter, um die Zudecke für die Bergmolche noch wärmer zu machen und achtest darauf, dass auch überall im Beet eine feine Laubschicht ist. Damit düngst du die Erde, hilfst den Regenwürmern, aber bedrängst nicht die ersten Primelblüten, die sich schon im Oktober zeigen, wenn sie merken, dass ihr Sonnenschirm weg ist und es nicht mehr heiß und grell ist. Du bist ein großer Schatz in unserem Garten und du bist perfekt so wie du bist. Wir sind sehr dankbar, dass es dich gibt. Würdest du nicht hier stehen, würden wohl viele von uns gar nicht hier existieren. Danke, lieber Freund”.
Während die Blumen abschließend noch ein weiteres Lied anstimmen, strahlt die Blumenelfe Wurzerl an und nickt vielsagend in Richtung Baum. Ach, da sind sie wieder, die Tränen, aber jetzt sind es Freudentränen. Der Baum hat erkannt, dass er eine wichtige Aufgabe im Garten hat, dass er geschätzt und gemocht wird und jetzt tut ihm das kleine Kirschbäumchen fast leid. Es wirft gerade seine letzten Blütenblättchen ab. Eine Aufgabe im Garten für das restliche Jahr gibt es nicht, noch nicht!
Aber auch die vielen kleinen Stauden, die im Schutz des Ahorns gedeihen, haben gelernt, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. Sobald die Glöckchen im Spätwinter aufblühen, bimmeln sie einen Gruß nach oben in die Baumkrone. Die Augen der Primelblüten schauen dankbar zu den kahlen Zweigen, die ihnen das Aufblühen erst ermöglichen.
Aber die Prärielilien schießen ab sofort jedes Jahr den Vogel ab. Während sie blühen, beginnt sich der Ahorn zu regen und sein Laub zu entfalten. Dann werden die Prärielilien ganz sentimental und umarmen die roten Blätter des Ahorns dankbar, bevor sie sich zurückziehen und verblühen.





