18 Märchen vom Geheimnis der Birkenmenschen

Die Birkenmenschen bei Wilma an Weihnachten

Sommer

Zwei Birken in Wurzerlsgarten

Hinten im Garten neben der Hütte steht Wurzerls Birkenmann. Seine beste Zeit ist schon eine geraume Weile vorbei. Die wunderschöne weiße Rinde, die Wurzerl so liebt, ist ergraut und großzügig, wie der Birkenmann ist, hat er in seinem gemütlichen, warmen Inneren eine Menge kleiner Wohnstuben für Käfer, Asseln und viele andere kleine Tiere eingerichtet. Die Gartenbewohner, auch der Zwobel, begegnen dem Birkenmann mit Zuneigung, aber noch mehr mit großem Respekt. Wurzerl liebt ihn und lässt keine Gelegenheit aus, sich mit ihm zu unterhalten.

Der Birkenmann in Wurzerlsgarten

Der Birkenmann ist schon lange im Garten. Wurzerl bekam ihn einst geschenkt und stellte ihn an einen Platz, den sie von ihrem Schreibtisch aus gut einsehen kann. Heute erzählt der Birkenmann eine so unglaubliche Geschichte, dass sogar den beiden großen alten Birken in Wurzerlsgarten beim Zuhören der Mund weit offenstehen bleibt.

Der sprechende Mund der Birke in Wurzerlsgarten

Gebannt hören Alle zu als er berichtet, dass es auf der Erde viele Birkenmenschen gibt. Am interessantesten hört sich an, dass wohl eine gar nicht so kleine Gruppe ganz in der Nähe von Wurzerls Wohnort bei Wilma lebt. Kein Gartenbewohner zweifelt an den Worten des weltoffenen, altersweisen Birkenmannes. Für Wurzerl steht sofort fest, sie muss Wilma und ihre Birkenmenschen schnellstens kennenlernen.

Schon am nächsten Nachmittag ist Wurzerl auf dem Weg zu Wilmas Garten. Vom Giebel des Hausdaches aus wird sie von Wilmas Wachhund freudig begrüßt. Gleich neben dem Garteneingang steht auf einem alten Sauerkrautfass eine Laterne. In ihr befindet sich eine geheimnisvolle Frauenbüste. Sie mustert Wurzerl mit einem traurigen, fragenden Blick. Der Frauenkopf scheint auf jemanden Bestimmten zu warten. Dann entdeckt Wurzerl neben dem Weg eine Gruppe kleiner brauner Raben mitten in Wilmas Kräuterbeet. Auch sie sehen aus, als wären sie in einer Warteposition. Und noch jemand wartet lächelnd auf dem Gartenweg und nimmt Wurzerl zur Begrüßung kurzerhand in den Arm, so als ob sie sich schon ewig kennen würden.

Es ist Wilma, sie reicht Wurzerl lächelnd die Hand und nimmt sie mit zu ihren Rosen und Stockrosen. Es blüht überall in Wilmas Garten. Aus allen Ritzen, Ecken und Wegrändern quellen Bienenfreund, Akelei, Storchschnabel, Mohn, Wegwarte, Margerite und Gänseblümchen hervor und mischen sich ungeniert zwischen die illustre großblumige Gesellschaft. Wurzerl staunt nicht schlecht, als sie feststellt, dass der Garten einige Ähnlichkeit mit ihrem eigenen hat.

Plötzlich schiebt sich eine Wolke vor die Sonne und aus ihr regnet es genau in Wilmas Garten. Darum gehen die Beiden unter das Dach des Eingangs. Dort begegnet Wurzerl den ersten Birkenmenschen. “Aber, die sehen ja ganz anders aus als mein Birkenmann”, staunt Wurzerl. Wilma lächelt und lässt sich das Aussehen des Birkenmannes genau beschreiben. “Oh, wie schön” stellt sie fest, “dann ist er ein Leben lang geliebt worden und hat sich dabei so sehr um die Gartentiere gekümmert, dass er nun bei Dir noch lange weiterleben darf.” Auf den fragenden Blick von Wurzerl fährt sie fort: “Die Birkenmenschen, die bei mir leben, haben nicht so ein Glück gehabt, wie Dein Birkenmann. Sie waren den Menschen lästig und sind viel zu früh gefällt worden.” “Aber warum denn bloß?” Wurzerl ist fassungslos, sie kann sich gar nicht vorstellen, dass man Birken nicht lieben kann. “Tja, diese Birke, mit dem Gesicht der jungen Frau, die sie nicht mochte, ist gefällt worden, weil es der Dame zu viel Arbeit war, im Herbst das goldene Laub einzusammeln und damit gleich ihre Pflanzen zu düngen. Sie kauft lieber Kunstdünger und ließ die Birke fällen. Nun ist sie schon lange bei mir. Hast Du vorne in der alten Laterne den Frauenkopf gesehen? Bald wird einer meiner Raben fortfliegen und ein neues Herzstück eines Birkenstammes in meinen Garten geleiten. Die Frau in der Laterne lässt ihre Birke fällen, nur weil sie ihr lästig geworden ist. Darum habe ich in Kürze einen weiteren Birkenmenschen bei mir.” Das muss Wurzerl erst einmal verarbeiten. Mit einem großen Mitgefühl für Wilmas Birkenmenschen und viel Sympathie für Wilma, verabschiedet sie sich und fährt grübelnd nach Hause.

Herbst

Die Birke im Herbst in Wurzerlsgarten

Inzwischen ist der Herbst ins Land gezogen und Wurzerls Birken haben sich ihr Goldbrokatkleid übergestreift. Sie feiern Abschied von ihrem Gartenjahr in dem sie so viel gesehen und erlebt haben. Leise rascheln sie in Wurzerls Ohr und erzählen ihr wie sich die Eichhörnchen überlegt haben, ob sie nicht ihren Kobel in die Birke bauen sollen. Ein Krähenpaar hat das allerdings dann verhindert, weil es selbst in der Krone ein Nest gebaut hat. Die Blätter erzählen von den Kleibern und Buntspechten und den vielen lustigen Meisen und dem verliebten Türkentauben-Paar. Und als sie gerade aufzählen, welche Lieblingsblumen zu ihren Füßen im Laufe des Jahres geblüht haben, fällt Wurzerl Wilmas Garten ein. Was blüht jetzt wohl bei Wilma und ist der neue Birkenmensch angekommen? Wiederum macht sich das Wurzerl am nächsten Tag auf den Weg.

Auch in Wilmas Garten ist der Herbst eingezogen. Sie steht gerade bei ihren Kräutern und erntet Borretsch und Rosmarin. Sie verwendet alles in der Küche oder als Heilmittel. Die Äpfel und Tomaten warten darauf in Wilmas Korb hüpfen zu dürfen. Wurzerl hat aber gar keine Zeit für die Blumen und Kräuter oder das Obst und Gemüse. Sie durchforscht den Garten, ob sie bei den Birkenmenschen, die neue Birkenfrau entdeckt, deren Kopf sie im Sommer gesehen hat. Wilma lächelt und kommt Wurzerls Frage zuvor. “Die Birkenfrau, die Du suchst, ist nicht angekommen. Die Birke wurde in letzter Sekunde vom Ehemann der Frau gerettet, gerade als der Gärtner sie mit seiner Kettensäge fällen wollte. Und das alles nur, weil er im Büro plötzlich Kopfschmerzen bekam und einige Stunden früher nach Hause ging. “Woher weißt Du das alles”, fragt Wurzerl erstaunt. “Nun mein Rabe kam unverrichteter Dinge zurück und erzählte mir lachend, dass die Birke noch steht. Die Birke wusste, dass der Mann sie sehr mag und hat ihn in ihrer Not quasi telepathisch nach Hause gelockt. Am nächsten Morgen war der Frauenkopf verschwunden und die Laterne steht seitdem leer da.” Wurzerl und Wilma lächeln sich an, was für ein gutes Ende diese schlimme Geschichte doch wenigstens für die schlaue Birke genommen hat.

Während Wurzerl die Birkenmenschen im Garten besucht und ihnen aufmunternd zuredet, erzählt Wilma, dass sie in den Raunächten im Winter ihre Birkenmenschen immer zum Raunachtstanz in das weihnachtlich geschmückte Glashaus einlädt. In den geheimnisvollen Nächten zwischen Weihnachten und Heilig Drei König, erwachen die Birkenmenschen nämlich wieder zum Leben und Wilma kann sich dann mit ihnen unterhalten. Die Zeit ist wieder wie im Fluge vergangen und Wurzerl verabschiedet sich zögernd. “Komm wieder”, liest sie aus den verlorenen Blicken der Birkenmenschen heraus.

Die Astern beugen sich weit über Wilmas Zaun und winken Wurzerl nach. Zuhause angekommen, findet sie einen Brief des Nachbarn hinter ihrem Garten, in ihrem Briefkasten. “Entfernen Sie ihre Birke”, steht da geschrieben: “Jeden Tag liegt das Laub in meinem Eingang und ich muss es entfernen, das schränkt meine Lebensqualität unzumutbar ein.” Wurzerl ist wie vom Donner gerührt und entsetzt.

Winter

Die Birke am Zaun in Wurzerlsgarten

Der Winter beginnt Anfang Dezember mit einem Paukenschlag. Es schneit, als hätte Frau Holle die Federbetten eines kompletten Hotels ausschließlich auf Wurzerls Garten hinunter geschüttelt. Die Birke stöhnt und ächzt unter der schweren Last des nassen Schnees und versucht krampfhaft, ihre Krone aufrecht zu halten. Aber jeden Tag drückt die Last schwerer und die Birke beugt sich immer mehr in die Richtung des Nachbarn. Wurzerl denkt unwillkürlich an seinen Brief. Was bedeutet das alles? Der Birkenmann runzelt täglich mehr die Stirn. Die Situation für die Birke wird immer bedrohlicher. Am Weihnachtsabend schickt er Wurzerl zu Wilmas Birkenmenschen. Sie muss dringend mit ihnen reden. Die erste Raunacht ist angebrochen.

Vorsichtig fährt Wurzerl kurz vor Mitternacht an den Besuchern der Christmette vorbei und schaut in die hellerleuchteten Fenster der Wohnhäuser. Einige Christbäume grüßen Wurzerl und nicken ihr aufmunternd zu. Die Bescherung in Wurzerls Wintergarten ist um einen Tag verschoben worden und die Christrose bleibt noch eine Nacht an ihrem Stammplatz an der Bachquelle. Kein Bewohner in Wurzerlsgarten ist in Feierlaune, solange die Birken leiden. Heute gibt es wahrlich wichtigeres zu tun, als Weihnachten zu feiern. Schon von weitem erkennt Wurzerl das beleuchtete Glashaus. Sie kennt es bisher nur als Aufenthalts-Ort für die vielen Tomatensorten, die Wilma jedes Jahr dort aussät und bis zum Ernten großzieht und pflegt. Weihnachtlich geschmückt und mit einer einladenden Festtafel dekoriert, ist das Glashaus kaum wiederzuerkennen. Einige Birkenmenschen stehen schon im “Ballsaal”, andere sind gerade dabei, hineinzugehen.

Irgendwie hat Wurzerl das Gefühl, als ob man sie bereits erwartet. Einen Moment lang überlegt sie, was sie den Birkenmenschen sagen soll. Ist es richtig, sie in den wenigen Stunden, die sie leben und feiern dürfen mit ihrem Problem zu behelligen? Da wendet sich ihr einer der Birkenmenschen freundlich zu und sagt: “Es ist gut, dass Du gekommen bist. Deine beiden Birken haben uns schon Bescheid gegeben, dass Du unterwegs bist. Wir werden Dir helfen”. Wurzerl schießen die Tränen in die Augen, ihre Birken werden also nicht dem heftigen Winterwetter zum Opfer fallen. “Warum?” stammelt sie schließlich, “und wie könnt Ihr meinen Birken helfen?”

“Wir helfen Dir nur, indem wir Dir unseren Weihnachtsstern mitgeben, der sonst unsere Raunachtstänze beleuchtet. Jeder von uns hat Dein Mitgefühl, das Du uns immer entgegenbringst, in diesen besonderen Stern hineingelegt. Wenn Du zuhause bist, dann stecke den Stern auf Deinen Birkenmann. Er wird dann die Liebe, die Du ihm und Deinen Birken entgegenbringst, zu Deinem Mitgefühl uns gegenüber hinzufügen und alles wird gut werden.”

Wurzerl macht alles so, wie es der Birkenmensch gesagt hat. Behutsam hält sie den Weihnachtsstern in den Händen und bringt ihn zu ihrem Birkenmann, der sie liebevoll anlächelt. “Geh ruhig schlafen Wurzerl, am Morgen ist alles wieder gut”. So früh hat Wurzerl das Bett noch nie verlassen, wie dieses Jahr am 1. Weihnachtsfeiertag. Die Birkenzweige schütteln sich gerade ein letztes Mal und siehe da, mit feinen silberweißen Ästlein geschmückt, ist die Krone wieder aufgerichtet. Die beiden Birken strahlen dem Wurzerl glücklich entgegen. Nie war der morgendliche Weihnachtshimmel so blau und während Wurzerl die beiden Birken streichelt und den Birkenmann umarmt, verschwindet am Horizont ein kleines silbernes Etwas und löst sich im Winterblau auf, damit die Birkenmenschen bei Wilma wenigstens in den restlichen Raunächten in der Festbeleuchtung ihres Weihnachtssternes tanzen können. Endlich ist der Weihnachtsfrieden überall da angekommen, wo er willkommen ist.

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13 Kommentare

  • Rack Roswitha sagt:

    Danke für die schöne Geschichte. Sehr berührend.

  • Brigitte Schauer sagt:

    Danke für diese wunderschöne Geschichte!Ich wünsche allen ein friedliches Fest und sende dir gute Gedanken!

  • Wilma Kloiber sagt:

    Liebe Renate, wundervolles Wurzerl! Deine ersonnene Geschichte der Birken mit meinen Birkenmenschen ist voller Zauber und Hingabe an unser aller Gartenwelt. Gerade hat es mich in meine phantastische Schaffenszeit zurückversetzt und meine Bäckchen sind errötet.
    Ich danke Dir von Herzen und wünsche Dir viele aufregende Gartengeschichten im neuen Jahr. Frohe Weihnachten!
    Liebe Grüsse Wilma

    • Wurzerl sagt:

      Wie Du siehst liebe Wilma, finden die aufregendsten Gartengeschichten ganz in Wurzerls Nähe statt. Vielen Dank, dass ich Dich in Wurzerls Gartenmärchen-Welt mit einflechten durfte.
      Für Dich auch ein frohes Fest. LG Wurzerl

  • Helma Willand sagt:

    Deine „Märchen für Gartenträumer“ passen gerade perfekt zur blauen Stunde hier in Ostfriesland! Danke dafür, liebe Renate, ich drücke Dich aus der Ferne! Hab es gemütlich an den Feiertagen!

    • Wurzerl sagt:

      Oh ja liebe Helma, sobald der Glühlühstand geschlossen ist, genieße ich nur noch diese unglaubliche Atmosphäre der Weihnachtszeit, für die ich schon immer sehr empfänglich war. LG Wurzerl

  • Langer, Regina sagt:

    Solch eine berührende aktuelle Geschichte.Danke und besinnluche Feiertage und viele schöne Augenblucke im Garten.

  • Dr. Claudia Hilzensauer sagt:

    Liebes Wurzerl!
    So eine schöne Geschichte, ich liebe sie. Ich wünsche Dir frohe Weihnachten.
    Vielen Dank
    Claudia

  • Nicole Krause sagt:

    Ein berührendes Märchen das zum Nachdenken anregt, danke liebe Renate.

    • Rosi sagt:

      was für eine zauberhafte Geschichte
      die Gesichter die Wilma geschaffen hat sind traumhaft schön
      die verführen dazu Geschichten zu “erahnen” ..
      ich liebe Birken auch gegenüber stand in einem Garten ein große schöne Exemplar..
      ich konnte von meinem Fenster direkt drauf schauen.. die Vögel saßen in ihren Zweigen ..
      ich liebte dsa zarte Grün im Frühjahr und den goldenen Schein im Herbst
      die letzten heißen Sommer haben sie krank gemacht und absterben lassen 🙁
      schön dass mein Päckchen rechtzeitig bei dir ankam und dir eine kleine Weihnachtsfreude beschert hat
      ich wünsche dir ein frohes neues Jahr mit vielen schönen Gartenbegegnungen
      Rosi

      • Wurzerl sagt:

        Ja liebe Rosi, ich habe mich ganz fubbedoll gefreut. Es war so eine herzliche, unerwartete Überraschung. Noch einmal vielen Dank dafür. LG Wurzerl

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