Das Dorf Tintagel
Das Dorf Tintagel war bereits besiedelt, bevor Tintagel Castle im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Es wird vermutet, dass der Ort schon zur Römerzeit existierte. Der Kornische Name “Dintagell” kann mit “Festung der Engstelle” übersetzt werden. Die Lage Tintagels nahe der pittoresken, zerklüfteten Küste der Grafschaft Cornwalls im äußersten Südwesten Englands ist sehr populär.
Tintagel gehört heute zu den am häufigsten von Touristen besuchten Zielen in England. Leider wurden darum viele der alten Häuser bereits Anfang des 20. Jahrhunderts abgerissen, um Bungalows und Gasthäuser für die heutigen Ansprüche des Tourismus zu errichten. Wenigstens ist das “Alte Postamt” erhalten geblieben, ein kleines, uriges Herrenhaus mit gewelltem Schieferdach, aus dem 14. Jahrhundert. Liebevoll vom National Trust renoviert, wurde einer der Räume wieder als viktorianische Dorf-Post hergerichtet.
Viele Besucher nehmen sich für den Ort nicht viel Zeit, denn die ‘König Artus – Sage’ lockt sie schnell zur Steilküste! Auch unsere Gruppe macht sich gleich nach dem Aussteigen aus dem Bus auf den Weg, um ‘Tintagel Castle’ zu erobern. Schnell bleiben die wenigen Häuser des Dorfes zurück. Schon ein Stück vom Ort weg, entdecke ich die normannische Pfarrkirche St. Materiana. Sie wurde im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert errichtet.
Der Weg über die Brücke zu ‘Tintagel Castle’
Bis zur Kasse und der Fußgängerbrücke ist der Weg noch sehr kommod. Dann sehe ich plötzlich den linken Teil der Burgruine, zu der von mir aus ein ungesicherter, äußerst steiler Weg nach oben führt. Schade, denke ich, das wars dann, ich gehe nicht weiter, seit vielen Jahren bin ich leider nicht mehr schwindelfrei.
Die rechte Seite mit dem neuen Zugang und der Fußgängerbrücke sehe ich hinter der steilen Felswand nicht. Was bin ich froh, dass mir Jürgen Mac Halwax, von Halwax Reisen, zugeredet hat, wie einem kranken Kalb, dass es nicht dieser Weg ist, den wir laufen und ich das spielend schaffen werde. Also gehe ich weiter, sehr dankbar, auf Jürgen gehört zu haben. Den totalen Chillmodus des Jagdfasanhahnes, (Phasianus colchicus) der sich für seinen Mittagsschlaf ausgerechnet eine laute Stelle nahe dem Kassenbereich sucht, was uns Alle sehr amüsiert, erreiche ich natürlich nicht, dazu ist die Landschaft viel zu spannend. Der Fasan scheint sehr verliebt zu sein, denn seine rote Gesichtsmaske ist sehr langgezogen, was ein Zeichen für die Balzzeit ist.
Ich laufe in der Mitte der eindrucksvollen, siebzig Meter langen Brücke, damit mich der 190 Meter tiefe Abgrund nicht anzieht und schwindlig werden lässt. Vor 2019 hätte ich das Erlebnis, die Burg zu besuchen, nicht gehabt, denn seit dem 15. Jahrhundert gab es hier keine Brücke mehr. Das moderne Konstrukt wirkt sehr sicher und passt mit den in Plymouth angefertigten Stahlelementen und Schieferplatten aus dem nahe gelegenen Steinbruch von Delabole besonders gut in die Landschaft.
Die Architekten und Ingenieure haben die logistische Herausforderung gut gemeistert und so konnten der damalige Prinz Charles und seine Gattin 2019 dieses Meisterwerk eröffnen. Seitdem ist der Weg zu den Ruinen, die auf einer Halbinsel liegen und nur durch eine schmale Landzunge mit dem Festland verbunden sind, auch für mich möglich geworden.
Tintagel Castle
Die auf der hohen Klippe thronende Burgruine liegt unmittelbar vor mir. Sie reicht bis zum stark abfallenden Steilufer, das ca. 200 m nach unten in den tiefen Abgrund führt. Mit dem Trick, das alles einfach durch mein Kameraobjektiv hindurch zu betrachten und natürlich auch festzuhalten, komme ich gut zurecht und genieße die zerklüftete Landschaft und die Sicht auf das grünblau irisierende Meer.
Nach viel Forschung und ersten Ausgrabungen wurde Tintagel als „frühchristliche, keltische Klosteranlage“ des 5. bis 8. Jahrhunderts eingestuft. Zwischen 1990 und 1999, es wurde dabei viel Importmaterial aus dem östlichen Mittelmeerraum und Spanien in hoher Qualität gefunden, änderte sich diese Einschätzung und geht nun von einem bedeutenden Fürstensitz aus, der etwa ab der Mitte des 5. Jahrhunderts bis Anfang des 7. Jahrhunderts bestand.
Im Frühling 1233 erwarb Richard von Cornwall, der jüngere Bruder des englischen Königs Heinrich III. den Burgplatz im Tausch gegen drei seiner Landgüter. Die im 12. Jahrhundert aufgekommene Artus-Legende inspirierte Richard zur Errichtung der hochmittelalterlichen Nachfolgeburg, welche auf den Resten der spätantik-frühmittelalterlichen Anlage gebaut wurde. Die Mauern galten jedoch schon bald als instabil und 1337 wurde sie als verfallen bezeichnet. Der Thronfolger Edward of Woodstock ließ die Burg wieder instand setzen und ersetzte die Wohnhalle durch kleinere Gebäude. Ende des 14. Jahrhunderts diente die Anlage als Gefängnis für hochrangige Gefangene. Schon vor 1600 wurde die Burg endgültig verlassen und verfiel.
Die Sage von König Artus
Schade finde ich, dass sich viele Besucher im Internet über den teuren Eintritt beschweren. Was erwarten sie von Tintagel? Eine eingerichtete Burg im Walt Disney Stil? Wer kein Gespür für Mythen und Orte mit einer besonderen Aura hat, der sollte vielleicht einfach das Eintrittsgeld sparen und an den Strand gehen. Wenn ich mir allein die Kosten für die aufwendige neue Hängebrücke vorstelle, dann kann ich den Eintrittspreis durchaus nachvollziehen.
Hervorragend gelungen finde ich die bronzene Statue betitelt als “Gallos”, die sich seit 2016 auf der Steilklippe von Tintagel befindet. Die durchbrochene Silhouette fasst alle bestehenden Legenden um König Artus symbolisch in sich zusammen. Der Begriff “Gallos” ist uns heute aus dem lateinischen Sprachgebrauch, als Hahn (hier im 3. u. 4. Fall, Mehrzahl) bekannt, wies aber geschichtlich auf die Einwohner Galliens hin. Die Statue könnte also einfach einen Kelten versinnbildlichen. Für eine reale Existenz von König Artus gibt es nämlich keine gesicherten historischen Quellen, oder archäologischen Beweisen. Das wiederum führte dazu, dass die Legenden- und Sagenbildung rund um diesen Herrscher immer mehr ausgeschmückt und erweitert wurde.
In Tintagel soll die Zeugung des mythischen Königs stattgefunden haben. Gorlois, der Herzog von Cornwall hatte auf der Burg seine Frau Igraine versteckt, da der Herrscher Uther Pendragon sie begehrte. Merlin verlieh Uther für die Begegnung mit Igraine das Aussehen des Herzogs und sie empfing den späteren König Artus/Arthur. Es entstanden die großen Heldensagen: Erziehung von Artus durch den Zauberer Merlin; seine Tat, das magische Schwert Excalibur aus dem Stein zu ziehen und damit König in Britannien zu werden; die Ritter der Tafelrunde gehören genauso dazu wie die Wilde Jagd und die Sagen um den Heiligen Gral. In der Tristan-Sage ist Tintagel die Burg König Markes und spielt eine wichtige Rolle, bei der Suche nach dem heiligen Gral.
Ich liebe solche Geschichten und nein, ich möchte gar nicht, dass irgendein Wissenschaftler mir erzählt, dass “Tristan und Isolde” von Wagner ein wahres Beziehungsdrama war. Der filigrane, durchsichtige Gallos, der gleichzeitig so eine große Macht und Souveränität ausstrahlt, ist alles, was ich mir für diesen Ort an vorhandener Realität wünsche. Ich sehe Vorhandenes, aber an manchen Orten spüre ich mehr das Vermutete und das ist gut so.
100 Blumenwiesen zur Krönung von König Charles III.
Nun wird es aber Zeit von König Artus eine Brücke zu König Charles III. zu schlagen. Ich erwähnte ihn ja bereits im Zusammenhang mit der Einweihung der Brücke. Damals war er noch nicht zum König erhoben worden.
Die Krönungs-Zeremonie von König Charles III. fand am 6. Mai 2023 in der Londoner Westminster Abbey statt. Aus diesem Anlass wurde für den König ein Blumenteppich der besonderen Art ausgelegt. In Tintagel, Stonehenge und anderen historischen englischen Stätten wurden einhundert Wildblumenwiesen neu angelegt, oder mit neuer Pflanzenvielfalt aufgewertet. Der English Heritage meint, dieses Projekt werde ein natürliches Erbe hinterlassen. Viele blumenreiche Graslandschaften sind in Großbritannien verschwunden, diese Geste dient als Hommage an die Liebe König Charles III. zur Natur.
Bisher wuchsen auf der Burgruine Tintagel hauptsächlich Pflanzen, die für die Küstenregion Cornwalls typisch sind. Das sind neben verschiedenen Grasarten, Flechten und Moosen auch Küstenblumen, wie: Silene maritima, Klippenleimkraut; Armeria maritima, Strand-Grasnelken; Plantago lanceolata, Spitzwegerich; Digitalis purpurea, Fingerhüte und Anthyllis vulneraria, Wundklee. Sie dürften wegen ihrer bisherigen starken Verbreitung auf Tintagels Klippe und den Ruinen hauptsächlich zum Altbestand gehören. Globularia fand ich nur vereinzelt und gehört vielleicht zur neuen Wundertüte Tintagels. Wer weiß, was im Vorfrühling schon geblüht hat und im Sommer und Herbst noch folgen wird.
Als Habitat geeignet ist Tintagel jedenfalls für “Salzbodenpflanzen”, die von den salzigen Winden und Nebeln des Meeres profitieren; für “Pflanzen mit Vorliebe für Halbschatten”, diese benötigen den Schutz der Burgruinen; aber auch klassische “Steingartenpflanzen” die sich in der felsigen Umgebung auf der Klippe wohl fühlen.
Um eine sinnvolle Bestandsaufnahme zu erhalten, wäre vorab die Kartierung eines Botanikers empfehlenswert gewesen. Leider habe ich keinerlei Nachweise im Netz zu einer vorbereitenden Kartierung gefunden. Ich hoffe, sie existiert trotzdem, damit man in ein bis zwei Jahren zumindest sehen kann, ob und in welchem Umfang die Biodiversität auf dem Klippengelände gestiegen ist.
Dorf Tintagel
Adresse: Tintagel, PL34 0DE, Cornwall, Großbritannien
Burg Tintagel
Adresse: Tintagel Castle, PL34 0DD, Cornwall, Großbritannien
Noch ein Wort in eigener Sache:
- Ich werde aus gesundheitlichen Gründen ein paar Wochen pausieren.
- Leider weiß ich erst seit kurzem aus Euren Kreisen, dass Viele von Euch, die Wurzerlsgarten als “Newsletter” abonniert haben, um über neue Beiträge informiert zu werden, seit Jahresbeginn keinerlei Benachrichtigungen mehr bekommen haben. Wenn die Newsletter diesen Freitag bei Euch zugestellt worden sind, bzw. keine Zustellung erfolgt ist, wird mein Webmaster überprüfen, welche Mailadressen betroffen sind, um endlich Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Ich hoffe, dass Ihr im Juli wieder wie gewohnt, mit dem Trara des Maileingangs die Neuigkeiten aus Wurzerlsgarten zugestellt bekommt. Genießt die zweite Hälfte des Rosenmonats Juni und lasst es Euch Alle gutgehen.






































15 Kommentare
liebes wurzerl
ich hoffe, es ist nix ernstes. wünsche dir rasche und gute genesung. ganz liebe grüsse, gabriela
Lieben Dank Gabriela, nein nicht ernst, nur schmerzhaft und darum einfach Pause. LG Wurzerl
Ich bin immer eine stille Leserin deiner Kolumne. Für diese möchte ich mich bedanken – sie ist besonders interessant und die Fotos sind wunderschön. Ich wünsche dir gute Besserung und hoffe, dass du bald wieder schreiben kannst. Liebe Grüße Claudia
Herzlichen Dank liebe Claudia, Du weißt ja, Beikraut vergeht nicht. LG Wurzerl
Liebe Wurzerl, alles alles Gute!
Lieben Dank und schönes Wochenende. LG Wurzerl
Danke für Deinen spannenden und vielfältigen Bericht. Die Blumenteppiche für König Charles berühren mich besonders, ich bin Botanikerin seit ich denken kann, aus Leidenschaft.
Daß du mit Gesprächstherapie bzw. Hypnose deine Schwindelfreiheit wiedererlangen könntest, weißt du vermutlich auch?
Herzliche Grüße von
Andrea Schwingenschuh
Linz/Österreich
(64 Jahre, auf Instagram amuna.san)
Danke für Deinen Tipp. Ich muss nicht gegen meinen Schwindel vorgehen, er ist altersbedingt und unterstützt von Tinnitus und ich muss nicht mehr auf den Himalaya klettern. Kleine Warnungen, vorsichtig zu sein, das stört mich nicht wirklich. Wäre ich 15 Jahre jünger, wärs was anderes. Herzliche Grüße zurück Wurzerl (72) München
Liebe Renate.
Was für ein schöner Artikel! Und deine wunderschönen Bilder!
Es erinnert mich so gut an unsere Cornwallreise vor 10Jahren.
Dir wünsche ich eine gute Besserung und alles Gute!
Ganz lieben Gruß, Angela.
Lieben Dank Angela, schön, dass Du auch in Cornwall warst, das ist schon ein besonderes Fleckchen Erde. LG Wurzerl
Einen sehr interessanten Bericht hast Du geschrieben und Deine Bilder sind auch ganz wunderbar! Ich wünsche Dir alles Gute und freue mich, wenn Du wieder zurück bist!
viele Grüße von
Margit
Vielen Dank liebe Margit
Ich wünsche ebenfalls gute Besserung!
Deine Reise klingt fanstastisch, diese KÜste hätte ich auch gern gesehen.
VG
Elke
Liebes Wurzerl,
was für ein super Reisebericht und die Fotos sind beeindruckend. Danke fürs mitnehmen,in eine aussergewöhnliche Landschaft. Die bronzene Statue “Gallos”ist echt der Hammer.
Alles Gute für dich wünscht
die kleine Wurzel
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Aus meinem Garten. 🙂
Liebe Kleine Wurzel, danke für Dein Lob und das schöne Foto aus Deinem Garten. LG Wurzerl