Meine ersten Berührungsmomente mit der Lüneburger Heide
Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Reise in die Lüneburger Heide. Als junge Frau war ich mehr kulturorientiert und interessierte mich nur peripher für die Landschaften um die Städte herum. Nachdem ich die Hansestadt Lüneburg vom historischen Rathaus, über den Alten Kran, bis hin zum Deutschen Salzmuseum abgegrast hatte, schien mir ein Ausflug in die Lüneburger Heide angemessen zu sein.
Ich beschloss den Wilseder Berg zu erstürmen, mit 169.2 m ist er nicht nur die höchste Erhebung der Lüneburger Heide, sondern auch des gesamten nordwestdeutschen Tieflandes. Es sollte für mich als Voralpenbewohnerin also nicht die große sportliche Herausforderung werden. Ich lief den Schildern nach, die mich dem Wilseder Berg dank der Entfernungsangaben näherbrachten. Als es nur noch 500 m waren, wurde ich verunsichert, ich konnte in meiner Wegrichtung keinen höchsten Gipfelpunkt ausmachen, es war fast, als würde ich gemächlich nach vorne, weniger nach oben gehen. Dann fehlten plötzlich die Entfernungsangaben auf dem nächsten Schild. Ich wurde ratlos? Was sollte ich tun? Kann man sich hier verlaufen? Das nächste Paar, dem ich begegnete, sprach ich beherzt mit der Frage an, ob es noch weit bis zum Gipfel des Wilseder Berges wäre. Ja, die Beiden schienen etwas amüsiert zu sein und die Frau stellte mir lächelnd die Gegenfrage, ob ich aus Süddeutschland komme. Ich lief wohl heftig rot an als sie auf das Schild hinter mir zeigte, auf dem ja keine Entfernungsangabe mehr war und dann fröhlich meinte: “Sie stehen gerade auf dem höchsten Punkt des Wilseder Berges”.
Schneverdinger Parkplatz zwischen Heidegarten und Kutschenhaltestelle
Fast fünfzig Jahre später wünschte sich meine FB-Traumgartengruppe eine Reise in die Lüneburger Heide und das zur Zeit der Heideblüte. Ich nahm die Herausforderung an, fand eine Reihe schöner Gärten, wollte aber auch die Lüneburger Heide selbst zum Thema machen. Steffi Steinwede gab mir den entscheidenden Hinweis für den Schneverdinger “Parkplatz Heide-Kiosk” mit seinen immensen Möglichkeiten für alle 35 Reiseteilnehmer. Egal, ob man zum Abfahrtplatz der Kutschen wollte, zu Fuß in die Heide wollte, ob der Heidegarten das Ziel war oder der traditionelle “Schafstall” zum Essen oder Kaffeetrinken anlockte, es waren nie mehr als 50 m um zum Startpunkt, vorbei an einigen Verkaufstischen mit heidetypischen Souvenirs zu gelangen. So konnten alle meine Traumgärtner die Lüneburger Heide individuell erkunden. Hüstel, der Wilseder Berg, etwas entfernt zentral in der Heide, nahe dem 2. Heide-Hotspot gelegen, stand nicht auf meinem Programm.
Der Heidegarten und Schafstall am Höpen, in Schneverdingen
Der Heidegarten liegt direkt am alten Schafstall des Höpen. Von dort beginnen auch zahlreiche Wanderungen in die echte Kulturlandschaft der Heide. Der Garten ist gewissermaßen eine botanische Einführung, bevor man die Natur erlebt. Der Name „Höpen“ geht vermutlich auf einen alten niederdeutschen Begriff für eine Anhöhe zurück – passend zu dem eiszeitlichen Höhenzug, auf dem sich heute der Parkplatz, Heidegarten und die Heideflächen erstrecken.
Der Heidegarten am Höpen wurde 1990 eröffnet. Die Idee dazu war, keine natürliche Heidelandschaft nachzubilden, sondern die erstaunliche Vielfalt der Heidegewächse zu zeigen. Heute gilt er als einer der größten und vielfältigsten Heidegärten in Deutschland.
Im Mittelpunkt ist ein großes kreisförmiges Rondell mit den vier Himmelsrichtungen und dem Schneverdinger Stadtwappen. Ich besteige als erstes den Aussichtsturm, um einen Überblick auf das geometrische Pflanzenbild zu erhalten. Ich suche mir einen abgekürzten Rundkurs auf den barrierefrei erschlossenen Wegen. Leider ist meine Zeit etwas begrenzt, ich muss mich bald um die Kutschfahrt kümmern.
Dank der 3 Heide-Gattungen mit rund 200 verschiedenen Heide-Arten und -Sorten, die mit etwa 200.000 Exemplaren aufgepflanzt sind, ist es möglich, einen wunderbaren bunten, abwechslungsreichen Garten zu sehen, der das ganze Jahr über Blüten zeigt.
Im Heidegarten Schneverdingen kommen folgende drei Heide-Gattungen vor:
Calluna, die Besenheide, ist sicher die wichtigste und landschaftsprägendste Gattung. Sie sorgt für die typische lila Blüte, die im Sommer viele Besucher anzieht.
Erica, die Glocken- und Schneeheide, ist extrem artenreich und nicht nur für die Frühjahrsblüte verantwortlich, sondern auch für die weißen und rosafarbenen Winterblüher.
Daboecia, die Irische Heide, oder Baumheide, wird als dritte Gattung gezielt im Heidegarten als Ergänzung kultiviert, um die Vielfalt abzurunden und besondere Blütenformen zu zeigen.
Diese drei Gattungen, mit ihren unterschiedlichen Blühzeiten, sorgen tatsächlich dafür, dass sich an jedem Tag des Jahres blühende Exemplare im Heidegarten Schneverdingen finden.
Kutschfahrt durch die Heidelandschaft
Tatsächlich laufe ich gerade einmal 100 Meter vom Heidegarten zum Standplatz “unserer Pferdekutsche”. Nach und nach findet sich der Teil meiner Traumgärtner bei mir ein, der sich für die Kutschfahrt entschieden hat. Schon beim Einsteigen ist ein Blick auf die Heidelandschaft möglich. In Parkplatznähe steht die Heide zwischen locker verteilten Birken. Ruhig und gelassen wartet sie auf uns. Der Kontrast zum lautbunten Heidegarten ist immens und gefällt mir sehr gut. Ja, genau das möchte ich jetzt kennenlernen.
Die Kutschenwege existieren seit über hundert Jahren. Ursprünglich dienten die Pferdekutschen der Fortbewegung, heute gehören sie fast schon zum Kulturgut der Lüneburger Heide. Da große Teile des Naturschutzgebietes autofrei sind, bleibt die Kutsche dort bis heute ein ganz normales Verkehrsmittel.
Nachdem wir ein großes fast baumloses Areal durchfahren haben, steht plötzlich ein dunkler Schäferhund auf dem Parallelweg. Hier ist der Baumbestand wieder dichter geworden. Die Erikafarbe verblasst in der Sonne und so müssen wir genauer hinsehen. Tatsächlich, wir sind auf gleicher Höhe mit einer Schafherde und der Hund achtet darauf, dass sich kein Tier in Gefahr bringt und uns nahekommt. Unser Kutscher hält kurz an und erzählt uns im Laufe der restlichen Fahrt eine Menge über “seine Lüneburger Heide und die Grauen Gehörnten Heidschnucken”. Gerade diese Rasse ist perfekt an die nährstoffarme Heide angepasst. Sie fressen junge Birkenschösslinge, verbeißen Kiefern- und Eichensämlinge, halten das Gras kurz und verschaffen damit den Heide-Jungpflanzen das nötige Licht zum Gedeihen. Die Tritte der Herde erzeugen zudem offenen Boden, auf dem neue Heide keimen kann. Es sind ca. 9000 Heidschnucken, die 365 Tage im Jahr als Landschaftspfleger durch die Lüneburger Heide ziehen, um das Zuwachsen der Heideflächen zu verhindern.
Ohne die Heidschnucken würde die Fläche innerhalb weniger Jahrzehnte langsam zu Wald werden. Aber gerade fahren wir durch ein Areal, wo viele Kiefern- und Laubbaumschösslinge zwischen der Heide aufgekommen sind. Reichen die Schafe allein, frage ich unseren Kutscher? Er erzählt uns, dass es ohne menschlichen Einsatz nicht möglich wäre, die Heide zu erhalten. Birken und Kiefern müssen von Hand entkusselt (entfernt) werden. Nährstoffreiche Humusschichten werden geplaggt (abgetragen), damit die Gräser nicht konkurrenzstärker als die Heide werden. Heikle Aufgaben, die Erfahrung voraussetzen, wie kontrolliertes Mähen, oder teilweise auch das kontrollierte Abbrennen kleinerer Flächen, sichern das Überleben der Heidepflanzen. Würde diese Pflege nicht dauerhaft erfolgen, entstünden nach und nach Mischwälder, denn Heidelandschaften sind keine ursprüngliche Wildnis. Es handelt sich hier um jahrhundertealte Kulturlandschaften. Nur weil der Mensch sie “ständig jung hält”, bleibt sie erhalten.
Eine wichtige Frage gilt den Ausmaßen der Lüneburger Heide. Der Kutscher scheint sich gut auszukennen und er beschreibt uns das gesamte Areal. Als Natur- und Kulturlandschaft umfasst die Heide rund 7.400 qkm. Auf das berühmte Naturschutzgebiet entfallen etwa 234 qkm. Damit ist es eines der ältesten und größten Naturschutzgebiete in Deutschland. Wir sind in der Schneverdinger Heide (Höpen) unterwegs und ich kenne auch die Nordheide und den zentral gelegenen Wilseder Berg. Die beiden Bereiche gehören zwar zur gleichen Landschaft, wirken auf mich aber unterschiedlich.
Die Schneverdinger Heide ist einfacher zugänglich und hat viele Wanderwege, die ideal für Familien und kürzere Wanderungen sind. Neben dem teilweise parkähnlichen Charakter der Südheide, punktet sie auch mit dem Heidegarten als botanischer Besonderheit.
Der zentral gelegene Wilseder Berg und die Nordheide sind viel weitläufiger, die Heide ist großflächig und offen. Es ist dort deutlich ruhiger, weil vieles nur zu Fuß, mit Fahrrad oder per Kutsche zu erreichen ist. Der Ausblick vom Wilseder Berg ist sehr besonders. Die Landschaft im Norden ist nicht parkähnlich, sondern hat teilweise einen wilden Charakter, der im Totengrund oder in der Nähe der fünf monumentalen Hünengräber auch etwas geheimnisvoll, bei entsprechender Witterung auch unheimlich wirken kann. Dort wird einem erst bewusst, dass die Lüneburger Heide schon seit über 5.000 Jahren von Menschen genutzt wird.
Die Heide ist eben nicht einfach eine Naturlandschaft, sondern ein uralter Kulturraum. Bei meinem ersten Besuch in der Heide erwartete ich ein einziges violettes Blütenmeer. Ich war zur falschen Zeit da und sah noch nicht einmal den “Gipfel” des Wilseder Berges. Vor allem hatte ich noch keinen Blick für die lebendige Vielfalt der Landschaft. Birkenhaine, ziehende Heidschnucken-Herden, uralte Eichen, knorrige Wacholder, silbrig schimmernde Flechten, Findlinge, alles eingebettet in die Heideblüte und dazwischen die hellen Sandwege, die dem Besucher das Areal erschließen, bilden in ihrem Zusammenspiel den besonderen Reiz der Lüneburger Heide. Ich möchte wirklich gerne wiederkommen!
Bald ist es wieder soweit! Die Blüte der Besenheide wird in diesem Jahr voraussichtlich Ende Juli richtig loslegen und den Höhepunkt im August erreichen. Offiziell gilt für das lila Blütenmeer die traditionelle Faustregel vom 08.08. bis zum 09.09. Da das Frühjahr 2026 feucht und wechselhaft war, rechnen Experten mit einem etwas früheren Blühbeginn.
Gartenliebhaber, die sich die Region der Lüneburger Heide erschließen möchten, können sich gern eine Gartenreise zusammenstellen. Im folgenden Link sind die Stationen der Reise aufgelistet.
https://www.wurzerlsgarten.de/deutsche-gaerten/gaerten-rund-um-die-lueneburger-heide-im-august-25/
Mehrere Freizeitparks und der Vogelpark Walsrode bieten auch Familien mit Kindern einen abwechslungsreichen Urlaub.
Für Kulturinteressierte bieten sich Stadtbesuche in der Hansestadt Lüneburg oder in Celle an.
Parkplatz Schafstall Höpen, Heidegarten, Kutschen-Abfahrstelle in Schneverdingen
Adresse: PLZ 29640 Schneverdingen, Overbeckstr. 65
Kontakt: www.schneverdingen-touristik.de

2 Kommentare
Dankeschön für diesen Ausflug in die Heide, Renate. Als Kind war ich mit meinen Eltern mehrmals dort, habe aber leider wenig Erinnerung an die Landschaft und die Pflanzen. Die Vögel in Walsrode haben mich damals mehr beeindruckt.
VG und ein schönes Wochenende
Susanna
Hihi, mich letztlich als Erwachsene auch. Aber mein GG war Lübecker und darum gibt es da einfach immer nostalgische Berührungspunkte. Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende. LG Wurzerl