Ankommen in ‘The Lost Gardens of Heligan’ in Cornwall
Texte in Schwarz betreffen Allgemeines, sowie die Historie von Heligan, ich entnahm die inhaltlichen Informationen, die mir wichtig sind, mehreren unterschiedlichen Buch- und Zeitschriften-Textquellen und der sehr informativen Website Heligans.
Texte in Violett erzählen von meinem persönlichen Spaziergang durch den Garten, wer nicht viel Zeit zum Lesen hat, der kann sich auf die lila Schrift konzentrieren.
Texte in Grün sind Zitate mit Seitenangabe aus dem Buch: ‘Lost Gardens of Heligan’ Die Wiederentdeckung eines Gartenparadieses in Cornwall, von Tim Smit. Ich darf sie mit Erlaubnis des Ulmer Verlages zitieren.
Das Kornische Fischerdorf Mevagissey an der Südküste Cornwalls befindet sich in einem Tal, das sich im Osten zum Ärmelkanal hin öffnet. Archäologische Ausgrabungen deuten auf eine Besiedelung bereits während der Bronzezeit hin. Belegt ist der Ort seit den alten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1313. Gelebt haben die Bewohner hauptsächlich vom Meer, was der alte Ortskern mit den engen, malerischen Gassen, dem alten Hafen und einer 1745 als Werft für Schmugglerfahrzeuge erbauten Gebäudes, das heute als Museum dient, bezeugt. Auch jetzt leben die Einwohner noch teilweise vom Fischfang, aber der Tourismus bildet inzwischen die Haupteinnahmequelle des Ortes. Das ist nicht nur dem pittoresken Ort geschuldet, sondern vor allem der Anlage: ‘The Lost Gardens of Heligan’, die in unmittelbarer Nachbarschaft westlich von Mevagissey liegt. Postalisch gehört der Garten allerdings zur acht Kilometer nördlich entfernten Stadt St. Austell.
Wir sind auf dem Weg zu den “Verlorenen Gärten von Heligan”. Die Landschaft rund um die Stadt St. Austell ist durch den früher sehr intensiv betriebenen Abbau des für die Porzellan-Industrie unerlässlichen Kaolins entstanden. Abbau-Halden im Norden und Westen der Stadt sind die typischen Anzeichen dafür. Darum wird diese Region spaßeshalber auch als ‘Cornish Alps’ bezeichnet. Nach 8 Kilometern erreichen wir den Parkplatz des vielleicht berühmtesten Gartens von Cornwall.
Der Weg vom Eingang zur Hütte der Park Scouts ‘Heligan Scout Group’ ist nostalgisch in den Farben eines bräunlich vergilbten Schwarzweißfilmes gestaltet. Das pralle, satte, lebendige Grün der Farne und der mächtigen Gunnera inszenieren die Brücke zum Hier und Jetzt. Es ist das beeindruckende Entree zu ‘The Lost Gardens of Heligan’ einem der geheimnisvollsten Anwesen in England. Meine Entdeckungsreise beginnt.
Als der Erste Weltkrieg begann, versank Heligan in einen Dornröschenschlaf. 1990 mutierte das Areal zu Europas größtem Gartenrestaurierungsprojekt. Tim Smit, ein erfolgreicher Komponist und Musikunternehmer suchte mit zwei Bekannten in Cornwall nach einem Grundstück, das für die Zucht seltener Tierrassen geeignet war. 1990 stießen sie zufällig auf das verlassene Gelände nahe Mevagissey. Die alten Schutzwälle waren bei den heftigen Stürmen von 1987 und 1990 zusammengestürzt und hatten alles begraben und mitgerissen. Von den ursprünglichen 400 Hektar Grund sind heute 81 Hektar für Besucher wieder zugänglich. Es entstand ein Paradies für Kinder, Entdecker, Tierfreunde, Pflanzenliebhaber und hoffnungslose Gartenromantiker.
Tim Smit, Seite 11: „Es war die Ruhe, die unheimliche Ruhe, die mich als Erstes gefangen nahm. Es gibt Arten von Stille, in der alles Lebende eine Ruhepause einzulegen scheint, aber diese Stille schien eingehüllt zu sein von einer schweren, grüblerischen Melancholie. Nach und nach wurde mir klar: Es gab keinen Vogelgesang, kein Rascheln, nicht einmal das Summen oder Murmeln irgendeiner lebenden Kreatur…”
‘The Flora’s Green’, der nördliche Gartenbereich
Nördlich vom Eingang befindet sich ein grünes Meer von makellosem Englischen Rasen. Umrahmt wird dieser von exotischen Bäumen und Sträuchern und interessanten Stauden am Gehölzsaum. Wellenartige Linien kennzeichnen diesen Gartenteil, der in seiner Weichheit einen spannenden Gegensatz des sich südlich anschließenden Küchengartens mit seinen geraden Mauern und Wegen, sowie den rechteckigen Beeten und Gewächshäusern bildet.
Wie eine Insel ragt eine haushohe Rhododendron-Gruppe aus dem kurzgehaltenen Englischen Rasen von ‘Flora’s Green’ heraus. Dank der lockeren Einzäunung ist es ein Leichtes, mit der Kamera in das Innenleben der alten, weitverzweigten Rhododendren visuell vorzudringen. Das sattgrüne Blätterdach zeigt von April bis Mai seine typische scharlachrote Blühfarbe. Im nördlichen Halbrund gibt es viele weitere, auch andersfarbig blühende Rhododendren. Der Gehölzsaum zeigt jetzt hauptsächlich Farbe durch die Vorpflanzungen außergewöhnlicher Stauden, wie den weißblühenden, schwertlilienblättrigen Libertias (Neuseelandiris), oder den Etagenprimeln, die das scharlachrot der Rhododendren in den Sommer hineintragen.
Über 400 Jahre lang war das riesige Areal ausschließlich im Besitz der Familie Tremayne. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts steigerte sich die Attraktivität des Gartens kontinuierlich. Die Tremaynes interessierten sich mit wachsender Begeisterung für die Botanik und sammelten Pflanzen in großem Stil. Die Rhododendren rund um ‘Flora’s Green’ sind hauptsächlich aus Samen gezogen worden, die John Hooker, ein Pflanzenforscher, in den 1850er Jahren aus Indien und dem Himalaya-Gebiet mitgebracht hatte. Hooker verwendete dabei, vielleicht als erster Pflanzensammler, den berühmten Wardschen Kasten. Der Botaniker Ward entdeckte zufällig, dass Pflanzen in einem luftdicht verschlossenen Glasbehälter lange Zeit ohne zusätzliches Wasser überleben können. Seit dem 18. Jahrhundert wurden exotische Pflanzen aus Asien, Amerika und Australien in Europa eingeführt, wo sie als Statussymbole der Reichen fungierten. Vor der einfachen, revolutionierenden Idee mit dem Wardschen Kasten überlebte nur eine von 100 Pflanzen die weiten Seereisen. Wäre der Kasten früher erfunden worden, hätte es keine Meuterei auf der Bounty gegeben, als das Süßwasser knapp wurde und der Kapitän lieber die Brotbäume versorgen ließ, anstatt seiner Mannschaft das lebensnotwendige Trinkwasser zuzugestehen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie berührt ich war, als ich vor Jahrzehnten im altehrwürdigen Londoner ‘Chelsea Physic Garden’ vor einem originalen Exemplar des historischen Wardschen Kastens stand.
Tim Smit, S. 118: Die nun ‘Flora’s Green’ umgebenden Rhododendren bestehen vorwiegend aus Kreuzungen, die aus der Hooker-Sammlung entstanden sind, deren Originale im heute Neuseeland genannten Bereich östlich neben dem Gemüsegarten… zu sehen sind. Fünfzehn Arten von Hooker-Rhododendren kann man in Heligan sehen, darunter R. arboreum, R. falconeri, R. decorum, R. aucklandii, R. thomsonii, R. cinnabarinum, R. campanulatum, R. hodgsoni, R. grande und R. niveum.
Vom Küchengarten, ‘Kitchen Garden’ bis zum Blumengarten, ‘Flower Garden’
Südlich von ‘Flora’s Green’ erreiche ich den Küchengarten des Landguts Heligan. ‘Diggory’, die Vogelscheuche, begrüßt mich mit ihrem selbstverständlichen Bauernstolz in ihrem Reich. Die Ausmaße lassen mich ahnen, dass der Ehrgeiz bei der Wiederherstellung dieses Gartenbereichs erneut darauf ausgerichtet war, den Selbstversorgergarten authentisch wiederzubeleben. Das Fehlen modernster Technik, dafür die einfachen, aber effektiven Gartengeräte und Hilfsmittel beeindrucken mich auf den großen Flächen.
Erst später lese ich nach, wie autark dieses Landgut betrieben wurde. Es gab zeitweise sogar eine eigene Ziegelei. Die Wiederherstellung erfolgte so akribisch, dass alles auf mich logisch und einheitlich wirkt, als wäre es nicht Jahrzehnte lang verfallen und verschollen gewesen.
Der perfekt restaurierte Küchengarten gilt allgemein als das Herzstück des Anwesens. Die Ziegel- und Steinmauern wurden wiederhergestellt. Die Glashäuser und Frühbeete entstanden neu auf den Originalprofilen. Bei der Auswahl der Pflanzen wurden alte Sorten gewählt und damit auch deren Erhalt gefördert. Die Wände im Küchengarten wurden mit Spalierobstbäumen bepflanzt. Im Gemüsegarten und dem Melonenhof, ‘Melon Yard’, sind Pflanzen angebaut, die evtl. schon im Jahr 1910 hier existierten. Im 19. Jahrhundert arbeitete der Obergärtner mit 22 Leuten in den Nutzgärten und Feldern. Tatsächlich arbeiten die Gärtner heutzutage mit den gleichen Gartenmethoden, die schon im 19. Jahrhundert angewandt wurden. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, mehr Personal als bei einer modern bewirtschafteten Anlage. Dabei ist es gar nicht so einfach, eine typische Kornische Schaufel richtig zu verwenden. Besonders kompliziert war es, hinter das Geheimnis des alten Ananaskerns, ‘The Pineapple Pit’ zu kommen und mit alten Sorten wiederzubeleben. Der Ananaskern wird dabei mit frisch verrottendem Pferdemist erhitzt. Seinerzeit war das sicher eine revolutionäre Anbaumethode für diese Exoten. Zur ersten Berührung mit dem ehemaligen Küchengarten und ‘The Pineapple Pit’ schreibt Tim Smit folgendes:
Tim Smit, S. 16: “Vom Weg aus konnten wir durch Rhododendronberge die Umrisse eines Gebäudes ausmachen. Als wir näherkamen, konnten wir eine Ziegelmauer erkennen, vor die Arbeitsstätten gebaut worden waren. Sie waren längst ausgeschlachtet, das Holz war verfault, was den Ruinen eine alles durchdringende Atmosphäre von Traurigkeit gab. …Draußen hob sich unsere Stimmung, denn wir standen vor den Resten eines Gewächshauses mit seltsamen Proportionen, die so klein waren, dass man sich kaum vorstellen konnte, was dort überhaupt angebaut worden war.”
Der zentrale Weg des Küchengartens führt mich nach Süden in den Melonenhof ‘Melon Yard’. Ich betrete ihn durch den Zugang in der roten Klinkermauer. Sie beschert diesem Gartenteil ein geschütztes Kleinklima. Die niedrigen, auffälligen ‘Pineapple Pits’ stechen mir sofort ins Auge, auch wenn momentan hauptsächlich Salat und Kräuter darin gepflanzt sind.
Eine zweite Besonderheit ist der ‘Thunderbox Room’, das ehemalige Gärtner-Klo. Der kleine Raum war in eine Mauerecke integriert worden. Ich betrachte die Kornische Schaufel und den Helm vor dem niedrigen Eingang, betrete den Raum aber nicht. Entgegen meiner Gewohnheit verlasse ich den Melonenhof nach kürzester Zeit, dieser Gartenbereich wirkt bedrückend auf mich.
Heligan wirkte bei der Wiederentdeckung wie beim Erwachen aus einem Dornröschenschlaf, so als hätten die Gärtner ihre Arbeit nur unterbrochen, um sie baldmöglichst wieder aufzunehmen. Fakt ist, dass nicht nur sie, sondern auch viele weitere Landarbeiter und Gärtner der Region, 1914 über Nacht wegen des ausgebrochenen Ersten Weltkrieges als Soldaten eingezogen wurden. In der Thunderbox-Mauer wurden von Tim Smit die Namen derer entdeckt, die ihre Arbeit aus diesem Grund verlassen hatten und zum Großteil nie zurückgekehrt waren. Auf den Denkmälern aus dem Ersten Weltkrieg in den benachbarten Friedhöfen fanden sich die Namen vieler Heligan-Gärtner später wieder.
Ebenfalls im Jahr 1914, nach 400 Jahren Familiengeschichte der Tremaynes, starb der Gutsherr John Tremayne kinderlos und Heligan begann zu verfallen, dem Vergessen preisgegeben. Im Gegensatz zu vielen anderen Anwesen, die das Schicksal Heligans teilten und in denen das Leben in ähnlicher oder neuer Form ab 1918 weiterging, wurde dieses Anwesen damals nicht verkauft. Das geschah erst in den 1970er Jahren, da wurde das verkaufte Haus in Privatwohnungen umgewandelt. Die Gärten verschwanden weiter unter Brombeer- und Efeuranken. 1990 als John Willis und seine Schwester, als Nachkommen der Familie Tremayne das Grundstück (ohne Haus) erbten und sie nach dem Hurrikan, ebenfalls 1990 Tim Smit kennenlernten, wendete sich das Blatt grundlegend.
Als Tim Smit sich mit John Willis zum ersten Mal durch die Trümmer und das Dornengestrüpp in die Ruinen des Melonenhofes vorgearbeitet hatte, war ihm noch nicht bewusst, dass er hier an einer historischen Schlüsselstelle angelangt war, die nicht nur den Verfall von Heligan, sondern auch das Stagnieren, ja das völlige Aufgeben weiterer Landgüter, belegte.
Für das Wiederaufbauprojekt der Gärten Heligans waren die in Fragmenten vorhandenen und sicher rekonstruierbaren Teile des Küchengartens und Melonenhofes unerlässlich. Die Entscheidung, nicht nur alles möglichst 1 zu 1 zu rekonstruieren, sondern auch, vor allem im Herzstück, den ‘Produktive Gardens’, die alten Obst- und Gemüsesorten wiederzufinden und wie im viktorianischen Zeitalter Schnittblumen- Gemüse- und Obstgarten nach den alten traditionellen Anbaumethoden wiederzubeleben, drängte sich im Fall Heligans auf. Die Gärten werden wieder so bewirtschaftet, wie vor über 100 Jahren, als sie fast den Gesamtbedarf der Familie Tremayne deckten. Giftige Spritzmittel und ähnliche schädliche Vorgehensweisen von damals wurden durch behutsame naturschonende Methoden ersetzt. So entstand ein “lebendes Denkmal” für Heligans verlorene Gärtner.
Tim Smit, S. 47: “John wühlte so lange, bis er auf den Schieferboden stieß. Auf einem Stapel Steine hockend zündete er ein Streichholz an, um besser sehen zu können. ‘Mein lieber Schwan,’ sagte er lachend. ‘Ich weiß, was das hier war. Hier war der Donnerbalken, die Toilette.’ Er wies auf eine Betonstrebe, die einen Holzsitz gehalten hatte.”
Italienischer Garten, Blumengarten, Sonnenuhrengarten und der Bauernhof
‘Italian Garden‘
Um in die Bereiche der ‘Pleasure Grounds’, der Ziergärten, zurückzukommen, verlasse ich den Melonenhof durch den Südausgang und wende mich nach rechts. Dort ist in meinem Plan der Italienische Garten eingezeichnet. Durch eine dichte grüne Heckenwand betrete ich diesen Lustgarten.
In der Umgebung des mediterranen “Italienischen Gartens” fühle ich mich sofort besser. Nach dem Melonenhof tut mir die Leichtigkeit dieses Gartenbereichs gut. Die botanischen und kulturellen Details, die sich rund um das formale, rechteckige Wasserbecken lose aneinanderreihen, gefallen mir sehr.
Der ‘Italian Garden’ im Westen vom ‘Melon Yard’ ist ein für die Familie Tremayne typischer Lustgarten. Sie schätzten Italien und legten darum diesen Gartenteil an. Inwieweit der “Italienische Garten” den letzten Tremayne-Eigentümer von Heligan, Jack Tremayne, beeinflusste, seinen Lebensabend in Italien zu verbringen, ist mir nicht bekannt. Er war jedenfalls geschockt, dass die meisten seiner Gärtner im Krieg gefallen waren und die Gärten von Heligan so vernachlässigt werden mussten, dass sie zuwuchsen. Daraufhin überließ er den Besitz vorläufig dem Militär.
Tim Smit, S. 63: “Während unserer frühesten Expeditionen ins Innere des Gartens waren John Nelson und ich auf ein riesiges Kirschlorbeerdickicht gestoßen. An die 15 Meter strebten die Sträucher in die Höhe und bildeten ein undurchdringliches Blätterdach, das sich an einer Seite mit den oberen Ästen einer Allee aus sehr hohen, aber dünnstämmigen Rhododendren verwoben hatte. Zur anderen Seite bogen sich die Äste ebenso weit, bis eine lange Ziegelmauer ihnen Halt gebot. Wir waren unter die alles umarmenden Äste gekrochen, um uns das Innere genauer anzusehen…”
Es gibt dort nicht die Strenge der Medici-Gärten zu spüren, eher die Lust der Landgüter-Areale zwischen den Toskanischen Weinbergen. Ein schmales formales Wasserbecken, italienische Terrakotta und typische mediterrane Pflanzen, wie ein alter Olivenbaum, Palmen, eine Sammlung von Aeonium und Duftpelargonien, sie prägen die Atmosphäre dieses Raums.
Tim Smit, S. 67 (Bildunterschrift): “1995 war der Italienische Garten wiederhergestellt. Die Kiwi braucht auch heute noch einen regelmäßigen Rückschnitt, damit sie nicht das Dach des Sommerhauses und den Melonenhof erobert.”
Der Sonnenuhrengarten
Auf dem Weg zum Sonnenuhrengarten finde ich lauschige Fotomotive. Der Taschentuchbaum winkt mir freundlich zu, doch Platz zu nehmen, aber ich habe immer noch ein völlig unübersehbares Riesengelände vor mir und keine Ahnung, ob die Zeit reicht, dass ich alles sehe und ich dabei doch den Bus pünktlich erreiche.
Der Sonnenuhrengarten wurde in einem Artikel des Gardeners’ Chronicle vom 19.12.1896 als reizender umschlossener Raum, etwas größer als 1000 qm, gefüllt mit allen Sorten altmodischer Blumen, die eine heitere Blütenfolge von Januar bis Dezember produzieren, beschrieben. Mrs. Tremaynes Garten wurde außerdem als Idealvorstellung des typischen Englischen Gartens bezeichnet.
Tim Smit, S. 221 (Bildunterschriften): “Im Oktober 1995 begannen wir mit der Restaurierung. Nur die Mauern gaben den Rahmen des Sonnenuhrengartens vor, mehr war 1994 kaum erhalten.”
Der Sonnenuhrengarten punktet mit seinem nostalgischen Charme, der an die Zeiten der alten englischen Gartenanlagen erinnert. Hier würde ich gerne etwas sitzenbleiben. Tatsächlich nehme ich für einen Moment auf der weißen Bank Platz. Aber nur, um den Gartenplan zu studieren und mein nächstes Nahziel zu bestimmen.
Im Osten befinden sich die ‘Bee boles’. Das ist eine Nischenmauer mit traditionellen Bienenkörben darin, deren Vertiefungen nach Süden hin ausgerichtet sind. Die Honigbienen leben hier wie im Paradies. Fliegen sie nach Norden, sind sie im Gemüsegarten und beim Spalierobst, im Süden wartet der ‘Flowergarden’, ein ausgedehnter Schnittblumengarten, auf die Bienen.
Der Bauernhof
Um mich nicht zu verzetteln, steuere jetzt direkt auf den Bauernhof zu. Dafür laufe ich wieder ein Stück zurück auf die Höhe der ‘Bee boles’. Weiter nördlich gehe ich nicht mehr. Das heißt im Klartext, ich werfe nur einen sehnsüchtigen Blick zurück nach “Neuseeland”, auch das dahinter liegende Sommerhaus sehe ich nicht. Die “Grotte” und den “Wunschbrunnen” verkneife mir aus Zeitgründen und erreiche damit schnell das weitläufige Bauernhofgelände.
Als ich die Ausmaße des Bauernhofs überblicke, streiche ich auch hier rigoros alles, was mich zu sehr von meinem Weg in Richtung “Lost Valley” abbringt. Ich verkneife mir also auch den Bauernhof, die Koppeln und den Weg zur Wildbeobachtungsstation. In der Scheune besuche ich die Schafe, deren geschorenes Vlies noch in Ballen neben dem Schurplatz liegt. Draußen im Geflügelhof sehe ich eine Mischung seltener und traditioneller Geflügelrassen. Für die besonderen Viehrassen habe ich leider auch keine Zeit. Das schmerzt, weil ich weiß, dass Tim Smit seit einer Ewigkeit ein Faible für Schweine hatte und letztlich Heligan seine Wiedererweckung 2 vietnamesischen Hängebauchschweinen verdankte!
1989 rief der Zoodirektor von Newquay bei Tim Smit an und suchte nach einem Pflegeplatz für vietnamesische Hängebauchschweine. Die beiden blieben in Verbindung und gefielen sich immer mehr bei dem gemeinsamen Gedanken, einen Hof für seltene Nutztiere zu eröffnen. Als die Suche begann, lernten sie John Willis kennen. Auch John begeisterte sich für den Gedanken und meinte nach einer weitschweifenden Unterhaltung: “Ich würde Ihnen gerne etwas zeigen. Meine Schwester und ich haben vor kurzem Land geerbt.” Am 16. Februar 1990 war es dann so weit, dass Tim Smit und John Willis auf der Suche nach einem Bauernhof für seltene Rassen zum ersten Mal den völlig zugewucherten Garten Heligans betraten.
Inzwischen ist eine stattliche Anzahl einheimischer Viehrassen in Heligan beheimatet. Unter anderem helfen sie, die Graslandschaften durch eine regenerative Weide-Rotation schonend zu bewirtschaften. Die aktive Teilnahme am Erhaltungszuchtprogramm des “Rare Breeds Survival Trust” kommt dabei vielen seltenen Rassen zugute.
Der versunkene Weg, ‘Sunken Lane’ und das verlorene Tal, ‘Lost Valley’
Trotz dieser komisch verrückten Geschichte mit den beiden Hängebauchschweinen, durch welche die beiden Initial-Kontakte zur Wiederentdeckung von Heligan möglich geworden waren, gehe ich unbeirrt die “Higher Sunken Lane” entlang weiter nach Süden und verzichte auf einen weiteren Besuch bei den tierischen Heligan Bewohnern.
Über einen Wiesenweg erreiche ich den Abhang, dessen Waldweg mich nach unten in das Tal leitet. Ich mäandere im Rhythmus des Weges und bin in Gedanken wieder oben im Küchengarten und in den Ziergärten, die jetzt so akkurat, historisch authentisch durchgestylt sind, während Tim Smit und John Nelson sich bei ihrer ersten Begehung des Gartens, mit Hilfe einer Machete den Weg bahnen mussten. Auch in diesem Wiesen- und ersten Waldbereich, erinnert nichts mehr an “The Lost Garden”. Das ändert sich aber, sobald ich unten im “Georgian Ride” ankomme. Ich stehe am Rande eines kleinen Baches, der das Tal durchfließt und seitlich öffnet sich ein großer, ruhig daliegender Teich. Mein Blick folgt allerdings schnell den Baumkronen, die den Bach, der schon nach wenigen Metern von grünem Staudenleben verborgen wird, flankieren und bis weit nach hinten begleiten – mein Blick folgt für einen Moment dem unendlich scheinenden “Lost Valley”.
Die alten Waldwege wurden ursprünglich vor mehr als 200 Jahren für die Familie Tremayne angelegt. Uralte Baumriesen behaupten sich neben einer lockeren Wiederaufforstung dort, wo der Wald Schaden genommen hatte. Wildblumen rahmen im Tal die Teiche ein und säumen das Bachufer. Wie der Bauernhof, wird auch der Wald nachhaltig bewirtschaftet. Es war kein leichtes Unterfangen, die alten Wege wiederzuentdecken und zu sichern und die Teiche wieder sichtbar zu machen. Jetzt liegt das Tal da, als hätte es nie einen Dornröschenschlaf gegeben und die Vegetation ist vor allem im Frühling atemberaubend.
Tim Smit, S. 240: “…Eine Mannschaft mit schweren Pferden kam, um von schwierigen und empfindlichen Stellen zu denen keine Maschinen gebracht werden konnten, die Bäume abzutransportieren. Wir wollten soviel gefälltes Holz wie möglich für eine spätere Nutzung sichern. Die überwältigenden Cob und Shire Horses waren ein großartiger und zugleich furchteinflößender Anblick.”
Die Wiesenblumen von Wilder Möhre, Wiesenkerbel, über Fingerhut bis zu den Kuckuckslichtnelken könnten auch eine Landschaft Mitteleuropas darstellen. Wäre da nicht diese Tal-Schneise, die meine Fantasie in die unendliche Weite entführt. Ich kann mich kaum losreißen, muss aber dem “Verlorenen Tal” leider in die entgegengesetzte Richtung folgen. Mein Weg läuft unmittelbar am Ende des Abhangs am Waldrand entlang. Gegenüber begleitet mich eine hochgewachsene Wildblumenwiese, die immer breiter zu werden scheint. Dann ändert sich die Vegetation schlagartig. Ich bin am unteren Ende des Dschungels angekommen.
Der Dschungelgarten und die Burmesische Brücke
Aus “es klappert die Mühle am rauschenden Bach” ist urplötzlich die exotisch anmutende, mystische Welt von “Fern Gully” geworden. Vorsichtig und im Zeitlupentempo steige ich den steilen Anstieg, vom “Lost Valley” aus, den Dschungelgarten nach oben.
Ende des 19. Jahrhunderts entstand der Dschungelgarten in diesem steilen Tal, das im oberen Bereich mehrere Teiche aufweist, die aufgereiht wie an einer Perlenschnur, bis in die Nähe der Burmesischen Brücke angeordnet sind. Fließendes Wasser springt im unteren Bereich über die Felsen und verliert sich dann im Wasserlauf des “Lost Valley”.
Während mein Blick gar nicht weiß, wohin er sich zuerst wenden soll, sauge ich unbewusst eine Atmosphäre auf, wie sie sich Jack Tremayne für diesen, durch die Lage völlig in sich ruhenden Ort mit seiner zwischendurch exotisch aufschreienden Üppigkeit, seinerzeit vielleicht gewünscht hat.
Die geschützte Lage im steilen Tal sorgt für ein etwa fünf Grad wärmeres Mikroklima als oben in den Northern Gardens und bietet den exotischen Pflanzen der viktorianischen Pflanzenjäger und späteren Pflanzensammlern ideale Voraussetzungen. Während im Blumengarten, in “Flora’s Green”, im Küchengarten, dem Italienischen Garten, Neuseeland, dem Sonnenuhrengarten und anderen nördlichen Bereichen sehr darauf geachtet wurde, auch mit Hilfe von Metalldetektoren, die alten Namensschilder aus Metall wiederzufinden, es gelang wohl fast 250-mal, so dass viele verlorene Gehölze und Stauden wieder neu gepflanzt werden konnten, arbeitet das Dschungelteam ganz anders. Ungebunden entwickeln sie den Dschungel genauso weiter, wie ihre Vorgänger und wenn sie Pflanzen finden, die ihr “Dschungelfeeling” bestärken, so dürfen sie hier einziehen.
Tim Smit, S. 240: “…Als wir den Dschungel zum ersten Mal betraten, fühlten wir uns wie die Entdecker einer vergessenen Welt. Hunderte von Ahorn- und Eschensämlingen tauchten die Landschaft in tiefen Schatten. Farne, Moose und Flechten überzogen alles an diesem feuchten Ort, während der Blick auf exotische Blätter oder Bambushorste fiel…”
Mein unbewusst gewählter Weg, vom untersten Bereich, dem “Lost Valley” aus, den Dschungelweg nach oben zu gehen, bringt mir tatsächlich die Riesenfreude, dass sich die Theaterkulisse von Heligan mehr und mehr in überirdische, geheimnisvolle Exotik hineinsteigert. Ich habe das Glück, dass ich mich auf der richtigen Seite des Holzsteges, der hier im Dschungel das Wurzelwerk der alten Bäume schont, befinde, denn ich möchte unbedingt über die Burmesische Hängebrücke gehen. Diese darf aber nur von einer Seite aus betreten werden.
Dank der “Freiheit”, welche die Gärtner von Heligan im Dschungelbereich haben, kamen auch die Wollemi-Kiefern, die erst 1994 in einer uralten Schlucht in Australien entdeckt worden waren, hierher. 2012 trafen sie ein und mit ihnen wurde entlang des “Gardener’s Walk”, den man am einfachsten erreicht, wenn man vom Ende der Hängebrücke aus, ein Stückchen gerade weitergeht, ein kleines Wäldchen gepflanzt. Nicht weit davon entfernt, am zweiten Teich, gedeiht das größte Exemplar einer immergrünen, Neuseeländischen Eibe auf britischem Boden.
Als ich bei den Teichen mit den schlanken Bambuswäldchen, den ausladenden Gunneras, der Farnschlucht und den vielen verschiedenen, bunt aus dem grünen Dschungel herausleuchtenden Wasserpflanzen- und Gehölz-Blüten angekommen bin, empfinde ich das als den absoluten Höhepunkt meiner Reise durch diesen ehemals “Verlorenen Garten”. Bestärkt wird dieses Gefühl, als ich linkerhand einen Großteil der Baumfarne Heligans sehe, Dicksonia antarctica, einer meiner Lieblinge, ist auch dabei.
Das pflanzliche Grundgerüst des Dschungels zeigt, bedingt durch die Wasserflächen, eine enorme Vielfalt, die bereits von Jack Tremayne so geplant und angelegt worden war. Dank der erhöhten Holzstege ergibt sich ein beeindruckendes Bild auf riesige Rhabarber-Gunnera-Bananen- und Gehölz-Pflanzungen, die an diesem geschützten, warmfeuchten Ort beste Bedingungen vorfinden. Palmenalleen bieten sich als vornehme Begleitung an. Die größte Baumfarnsammlung Großbritanniens findet hier ideale Bedingungen. Einst kamen sie als Ballast im Schiffsrumpf aus Australien an. Die ausgetrockneten Wurzelstümpfe wurden in den Fluss geworfen, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Sie überlebten nicht nur die lange Trockenzeit der Reise, sondern auch die Stürme und das verwaiste Existieren im Garten nach dem 1. Weltkrieg.
Tim Smit, S. 119: “…Heligan besitzt vermutlich die größte Sammlung an Baumfarnen in Großbritannien – urtümliche, schöne Relikte aus einer Zeit, in der Dinosaurier die Erde bevölkerten.
Selbst für Cornwall ist die subtropische Wasser- und Uferbepflanzung sehr ungewöhnlich. Mein Zeitfenster schmilzt plötzlich in Windeseile dahin. Nach dem letzten Teich wird es heller, die Baumwipfel öffnen sich und ich erreiche die obere Kante des Steilhangs. Schlagartig bin ich wieder in einem vermeintlich “normalen” Mischwald und den weitläufigen Wiesen angekommen. Ein letzter Blick nach unten zeigt mir, dass ich tatsächlich real aus einem Garten-Wunder aufgetaucht bin.
Von der ‘West Lawn’ über den ‘Woodland Walk’ zurück zum Ausgang
Der Traum geht zu Ende und ich beschleunige meine Schritte, bis ich am Rand der “West Lawn” entlanglaufend, den “Woodland Walk” erreiche. Die “Grey Lady” erwartet mich schon, ich sehe durch sie hindurch und lasse mich nicht aus meinem Traum aufscheuchen. Noch nicht!
Auf den letzten Metern offenbart sich nach dem Dschungel mit seinem überschäumenden Temperament, erneut eine besondere Stille, ähnlich der im ‘Lost Valley’. Nach der “Grauen Dame” stehe ich nun vor der “Schlammjungfrau”. Ich bin inzwischen restlos entschleunigt und denke, wie recht sie hat, so gelassen und zeitlos, wie sie vor mir liegt. Wenn man einen schönen Traum lebt, sollte man sich nicht schon auf den letzten Metern aufwecken lassen.
Tim Smit, S. 247: “…Giant’s Head und Mudmaid nehmen Bezug auf die Mythologie Cornwalls und tauchen still am Rande des Waldweges auf.”
Still, nein ehrfürchtig, verlasse ich diesen Garten und verspüre so etwas wie einen Abschiedsschmerz. Ob ich meinen Traum, das Wunder von Heligan und seine Symbole in Form der Schlammjungfrau, der Grauen Dame und des Riesenkopfes wohl jemals wiedersehen werde?
Keinem anderen Garten wurde so viel Aufmerksamkeit bei der Wiederherstellung zuteil, wie Heligan. Die Ausstrahlung der Channel Four-Fernsehserie dokumentierte den Fortschritt der Renovierung genauso akribisch, wie das Buch von Tim Smit: “The Lost Gardens of Heligan”, das den ersten Platz der Sunday Times-Bestsellerliste erreichte. Am Dienstag habe ich Euch die Rezension zu diesem Buch zur Verfügung gestellt. Hier ist noch einmal der Link für Euch:
https://www.wurzerlsgarten.de/buecher-schatzkiste/buchrezension-lost-gardens-of-heligan-tim-smit/
Die Times urteilte über Heligan:
“The Garden Restoration of the Century” – “Die Gartenrestaurierung des Jahrhunderts”.
The Lost Gardens of Heligan
Adresse: Pentewan, St. Austell, Cornwall, PL26 6EN
Kontakt Tel: +44(0)1726 845100 Mail: info@heligan.com
Website: www.heligan.com


6 Kommentare
Guten Morgen liebe Renate, ich fahre im April 26 mit meinem Englisch Kurs nach Cornwall. Dieser Garten steht tatsächlich mit im Reiseprogramm. Nach diesem tollen Beitrag freue ich mich jetzt sehr auf diesen Garten 😍
liebe Grüße
Wow, das ist ja großartig, wir hatten ungewöhnlicherweise für GB eine nicht gartenaffine Reiseleitung. Darum habe ich zwar viele Details gespürt, aber kennengelernt habe ich sie erst hinterher, als ich mit dem Buch und dann weiter mit allem was ich in die Hand bekommen habe, recherchierte. Ich denke, das beste Erlebnis hat man mit guter Vorbereitung, den Northern Part würde ich auf jeden Fall zusammen mit der Gruppe machen und das verlorene Tal und den Dschungel alleine genossen zu haben, hat mir viel gegeben. Ich hoffe Ihr fahrt erst Ende April, da ist die Vegetation in Cornwall auf dem Höhepunkt und die vielen grünen, haushohen Rhododendrongebirge blühen Dir dann entgegen. Ich freu mich für Dich. LG Wurzerl
Vielen Dank für diese ausführliche Reisebeschreibung. Wir waren ja ziemlich genau eine Woche vor dir in Heligan, ich leider mit Krücken und konnte mir daher nicht alles anschauen.
Schön, das alles jetzt noch einmal mit diesen ganzen Informationen zu lesen
Vielleicht gönnst Du Dir irgendwann mal zur Hauptblüte der haushohen Rhododendren einen weiteren Besuch da. Ich möchte auf jeden Fall noch einmal hin und dann gezielt, die Ecken besuchen, die ich das erste Mal zeitlich nicht geschafft habe, aber gerne möchte ich auch mal ein Stück das verlorene Tal entlanglaufen. LG Wurzerl
Vielen Dank für diese Vorstellung der Gärten durch deine Augen gesehen, liebe Renate. Bilder von dort machen immer wieder neugierig und sie stehen schon lange auf der Liste meiner Wunschziele.
Viele Grüße und frohe Weihnachten
Susanna
Hallo Renate,
hihi, ich habe “Zucht seltener Terrassen” gelesen… Braucht ja auch Patz. 😉
Wir haben in Bielefeld auch so einen lost garden, aber die Villa, die zerbombt wurde, ist nicht wieder aufgebaut worden, deshalb wird das Ambiente nie so sein wie damals, aber der Garten ist wieder da.
VG
Elke