9 Die Weihnachtsüberraschung der Elfe

Adventcollage Wurzerlsgarten

Im Winter beginnt eine arg lange Wartezeit für alle Gärtner. Die Erde duckt sich im Frosthimmel unter einer dünnen oder dicken Schneeschicht und die Blumen-Beete, Wiesen, Steingärten, Hecken und Teiche schlafen. Auch Wurzerls Garten hat sich beizeiten zur Ruhe begeben. Wenn der Bachlauf abgestellt wird, dann ist das für die Garten-Bewohner das Zeichen, dass jetzt der Winter kommt. Es ist jedes Jahr ein Moment der Überwindung, mit ansehen zu müssen, wie das munter plätschernde Bächlein plötzlich aufhört den Hügel bis zum Teich eilig hinunterzulaufen. Oft steht Wurzerl vor dem Bachhügel und wünscht sich das leise singende Geräusch des Wassers zurück.

Der Heilige Abend ist nahe und  Väterchen Frost hat den Garten mit einer feinen Eisschicht überzogen. Auch heute steht das Wurzerl wieder etwas ratlos in der Kälte: keine Blumen, kein Plätschern, keine Schmetterlinge, kein Vogelgezwitscher, nur den Igel hört sie manchmal schnarchen. Er hat von der kleinen Blumenelfe die Igelkuppel zurückbekommen und schläft hinter dem Rosenrondell im Rhododendron-Tal unter den großen, immergrünen Sträuchern.

Winter in Wurzerlsgarten

Die Blumenelfe ist zwar längst in den Fliederbusch umgezogen, aber den Winter verbringt sie lieber mit dem Zwobel im warmen Wintergarten, wo jetzt die Hibiskus-Sträucher blühen.  Der Zwobel hält eine Art Winterschlaf, was soll so ein kleines unternehmungslustiges Kerlchen auch sonst im Winter machen? Die Elfe dagegen schätzt diese Zeit sehr, da sie dann ungestört ihren Schönheitsschlaf abhalten kann.

Hibiscus rosa-sinensis und Tillandsia, Wurzerlsgarten

So steht das Wurzerl kurz vor dem Heiligen Abend ganz alleine, traurig und voller Sehnsucht nach Frühling im Garten. Bei dem Gedanken, dass die kalte Zeit  ja gerade erst begonnen hat, kullern sogar ein paar Tränchen aus ihren Augen. Gerade am Fuße des Bachhügels treffen diese auf den Boden. Da geschieht plötzlich etwas ganz wunderbares, unbegreifliches. Das wenige Augennass bringt den Schnee zum Schmelzen und ein paar kleine, grüne Knubbel schieben sich langsam durch die gefrorene Erde. Es sind anfangs winzige, aber starke Triebe, die sich da durchkämpfen. Wurzerl steht wie gebannt da und glaubt zu träumen. Sie wischt sich die Augen aus und schaut noch einmal genauer hin. Jetzt kann sie sogar mehrere kleine weiße Bällchen zwischen den grünen Blattknospen, die immer weniger knubbelig aussehen und immer höher herauswachsen, erkennen. Bald ist es geschafft! Eine schneeweiße Blüte nach der anderen öffnet sich langsam vor Wurzerls Augen und die grünen gefächerten Blätter bilden einen wunderschönen Kontrast rund um die schneeweißen Blüten-Schalen. Wurzerl steht ergriffen vor dieser unerschrockenen Blume, die so kurz vor dem Christfest aufblüht, um ihre Tränen zu trocknen.

Christrose, Helleborus niger, Wurzerlsgarten

Ganz in der Nähe raschelt es leise, die Blumenelfe fliegt lächelnd in den warmen Wintergarten zurück. Diese Überraschung für Wurzerl ist ihr ja prächtig gelungen. Sie weiß, wie man sich im Winter fühlt, wenn der geliebte Garten kahl und leer ist. Darum hat sie schon im Herbst vorgesorgt und die Winter-Blume heimlich gepflanzt. Wurzerls Tränchen haben nun die Blüten hervorgelockt und weil Weihnachten, das heilige Christfest, gerade beginnt und die Blüten das Wurzerl an eine schlichte, weiße Rosenblüte erinnern, nennt sie die Pflanze: „Christrose“.

Christrose, Helleborus niger, Wurzerlsgarten

Tapfer harrt die Christrose im Garten aus, aber ein wenig einsam fühlt sie sich schon. Ihre Blätter schauen oft ein wenig traurig zum Wintergarten, wo es so viel Blattgrün und weihnachtliches Gefunkel durch die Scheiben hindurch zu sehen gibt.

Wintergarten in Wurzerlsgarten

Also unterbricht die Blumenelfe noch einmal ihren Schönheitsschlaf und fliegt zum Bachhügel. “Möchtest Du Weihnachten und Silvester mit uns zusammen feiern”? Auf diese Frage nickt die Christrose ganz atemlos und schaut erwartungsvoll auf die Elfe. Diese kommt im Nu mit Wurzerl zurück, die eine kleine Schale mit warmer, feuchter Erde in der Hand hält. Bevor die Blumenelfe etwas sagen kann, ist die Christrose schon in die Schale gehüpft. Mit ein paar kleinen goldenen Kügelchen geschmückt, darf sie mitten auf dem Tisch des Wintergartens stehen und die Weihnachtslieder mitsingen.

Christrose, Helleborus niger, Wurzerlsgarten

Nach einer Woche wird es ihr aber zu warm im Haus und so wandert sie auf dem gleichen Weg in der Schale, von Wurzerl getragen, wieder zum Bachhügel hinaus. Da sind inzwischen weitere ähnliche Blätter aufgetaucht. Nun ist auch für die Christrose die Bescherungs-Zeit gekommen. Jetzt ist sie nicht mehr allein. Allerdings blühen die Neuankömmlinge erst ab Februar und März in schönen rosa- und weinroten Farbtönen. So bekommen sie dann auch den Namen Lenzrosen.

Das Weihnachtsfest mit der Wurzerlfamilie im Wintergarten darf aber immer nur die Christrose feiern. Darauf freut sie sich jedes Jahr und verpasst nie, pünktlich vor dem Fest aufzublühen.

Christrose, Helleborus niger, Wurzerlsgarten
Teile als erste*r diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

16 Kommentare

  • Christa Schroth sagt:

    Wieder eine zauberhafte Geschichte aus der Feder einer Märchenerzählerin. Meine christrose wartet auch noch auf Gesellschaft 😍

    • Das Wurzerl sagt:

      Ich frage mal meine Blumenelfe, ob sie auch telepathische Wünsche erfüllen kann. Wünsche Dir einen schönen 4. Advent liebe Christa. LG Wurzerl

  • Karin sagt:

    eine herzerfrischende Geschichte

  • Erika Elferink sagt:

    auch wieder wunderschön geschrieben und beschrieben. Du weißt ja, wie sehr ich Deine Märchen liebe!Mach bitte weiter so!!!

  • Silvi sagt:

    Ich bin fasziniert und ergriffen von diesen wunderbaren Geschichten. War heute nicht so gut drauf. Nach dieser Blumengeschichte geht es mir gleich viel besser obwohl ich Tränen in den Augen habe. Danke

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Silvi, ich freue mich sehr, dass es Dir besser geht. Blumen und Tiere sprechen eine Sprache des Friedens und der einfachen Zufriedenheit, solange wir uns an ihnen aufrichten können, solange brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Denn sie bringen unsere Stärke an die Oberfläche und das ist das Beste, was die Natur für uns tun kann.Ich wünsche Dir alles Liebe, eine gute Zeit und schau vorwärts, egal was Dich drückt. Wurzerl

  • Das ist ja wieder sehr gelungen… Du hast mein Herz erreicht… Danke für die Weihnachtsgeschichte.. Sie hat mir die Ruhe gegeben, um mich jetzt auf das Fest vorzubereiten… Frohe Weihnachten liebe Renate…

  • Erika Elferink sagt:

    wieder wunderbar geschrieben und beschrieben, wunderachön. Aber Du weißt ja, wie sehr ich Deine Märchen liebe. Liebe Grüße

    • Das Wurzerl sagt:

      Etwas schöneres kannst Du Wurzerls Garten nicht schreiben. Die Blumenelfe lächelt, der Zwobel gluckst vor Vergnügen und die Christrose stupst mich an und sagt: “Sag Erika, ich blüh auch für sie, wenn es draußen kalt ist”. Hab eine gute Zeit liebe Erika. LG Wurzerl

  • Helga Luttmann sagt:

    Das ist eine ganz zauberhafte Geschichte. Ich habe draußen in der Schale auch so eine tapfere Blume stehen. Sie kommt zwar nicht hinein, die Schale hat aber ein wenig weihnachtlichen Schmuck. Ich glaube, ich besorge ihr einige Gesellschaft, wenn es wieder möglich ist. Sie soll ja nun wirklich nicht allein dort stehen. Liebe Grüße und ein schönes Weihnachtsfest an das Wurzerl

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Helga, danke Dir für Deine guten Wünsche, die ich sehr gerne erwidere. Ich soll Dich schön von meiner Christrose grüßen, sie freut sich sehr, dass ihre Verwandte bald Gesellschaft bekommt. LG Wurzerl

  • Usch sagt:

    Hallo Renate, wenn ich ehrlich bin, gefallen mir die Fotos besser, zumindest für die Märchen, die mit der hiesigen Botanik verknüpft sind. Mehr dazu mündlich
    Usch