7 Die Geburtsstunde des Elfenkrokus

Ende Februar sind die Nächte noch knackig kalt. Als Wurzerl am frühen Morgen einen Schritt vor die Haustüre gehen will, zieht sie schnell den Kopf ein. Ein eisiger Wind treibt sie in das warme Haus zurück.Die Birke wirkt heute mit ihrer weißen Stamm-Rinde und den mit Eiskristallen überzogenen Ästen und Zweiglein wie eine unnahbare Eiskönigin. Die Moose und Flechten schauen erwartungsvoll in die langsam aufgehende, milde Wintersonne. “Ach”, seufzt das kleine Zwerg-Alpenveilchen: “Gleich werden meine Schnee-Rüschchen aufgeleckt sein. Warum ist die Sonne nur so ein Nimmersatt, diese glitzernde Stola steht mir doch so gut, oder?” wendet es sich mit seiner koketten Frage an die Schneeglöckchen. Diese nicken eifrig bimmelnd, stocken aber dann mitten im Kompliment. Was geschieht da plötzlich? 

Galanthus nivalis, Schneeglöckchen

Zwei zarte, fast weiße Spitzen bohren sich langsam aus dem moosigen Untergrund und weinen ein paar Glücks-Tränchen, die wie Diamanten an den beiden kleinen Pflänzchen haften bleiben. So schön hatten sie sich das “Geboren werden” in der Wintersonne nicht erträumt.

Elfenkrokusse

Doch ihre Freude wird jäh getrübt, als die schlecht  gelaunte Zaubernuss, die ein wenig Rheuma im Holz hat, höhnisch bemerkt, dass so ein hässliches Etwas doch in Wurzerls Garten eigentlich gar nichts zu suchen hätte.

Hamamelis mollis, die Zaubernuss

Die beiden Blüten öffnen sich und sind furchtbar traurig, als sie sich anhören müssen, sie seien hässlich. Die Zaubernuss ist so riesengroß, sie kann so viel und weit sehen, deshalb hatte sie wohl sicher recht mit ihrem vernichtenden Urteil. Da die kleinen goldgelben Winterlinge in dieser Nacht furchtbar gefroren haben, legen sie gleich nach: “Ihr habt ja nicht einmal eine richtige Farbe abbekommen, gegen Euch bin ich ja eine wundergoldene Schönheit!”   Inzwischen sind noch mehr von diesen zarten, blassen Pflanzenkindern aus der Erde geschlüpft, aber sie wagen alle gar nichts zu sagen, sondern schauen nur hilfesuchend nach oben in den inzwischen stahlblauen Himmel.

die Elfenkrokusse

Die normalerweise wirklich verträgliche und bescheidene Kissenprimel ist in der Frostnacht so übel zerzaust worden, dass sie sich ebenfalls beeilt zu betonen, wie scheußlich doch diese farblosen Wesen seien.

Kissenprimeln

Gerade in diesem Moment kommt die erste Biene des Neuen Jahres herbeigeflogen und bittet die zarten, jungen Geschöpfe, ob sie nicht ein paar Blütenpollen mitnehmen dürfe. Diese sind überglücklich, endlich stoßen sie nicht auf  harsche Ablehnung. Gerne darf die Biene in den Blütenkelchen landen und sich bedienen und fliegt mit orange gefärbten Beinchen voll mit Blütenpollen zurück in den Bienenstock, um ihre Geschwister vorbeizuschicken.

Elfenkrokusse mit Bienen


“Was soll das denn jetzt?” Boah, jetzt ist der Winterling aber sauer geworden, weil die kleine Biene ihn nicht wie üblich, als Ersten besucht hat. Alle schimpfen jetzt in einem wirren Durcheinander auf die “Neuen” los.

Winterlinge

Die Biene hört erstaunt zu und fliegt dann schnell zur Blumenelfe, denn, dass die neuen Garten-Bewohner in großer Not sind, hat sie schnell gemerkt. Die Elfe hört sich alles ruhig an und fliegt dann zum Rhododendron-Hügel, wo soeben dieses kleine Drama stattgefunden hat. In Wurzerls Garten soll es doch nur glückliche, zufriedene Geschöpfe geben. Das haben sich Wurzerl und die Blumenelfe schon vor langer Zeit fest gegenseitig versprochen.

Elfenkrokusse

“Oh, seid Ihr aber hübsch und zart”, haucht die Elfe überwältigt, als sie die schüchternen Blüten zusammengedrängt stehen sieht. “Ach bitte, darf ich Euch Elfenkrokusse nennen? Es wäre mir eine so große Freude, wenn Ihr Schönen meinen Namen tragen würdet.” Und sie nimmt die kleinen Wunder-Geschöpfe an die Hand und führt sie mitten in Wurzerls kleine Wiese, wo jeder Elfenkrokus einen schönen Platz bekommt. Sie wirft noch einen zufriedenen Blick auf  ihre neuen Schützlinge und fliegt dann schnell nach Hause, um sich wieder ihrem Schönheitsschlaf zu widmen. Als Wurzerl am frühen Nachmittag in den Garten kommt, sieht sie plötzlich eine wunderschöne blühende Krokus-Wiese. Die kleinen Elfenkrokusse sind so selbstbewusst geworden, dass immer mehr und immer noch mehr kleine Elfen aus dem Boden schießen. Verzückt klatscht Wurzerl in die Hände und freut sich über diesen wunderherrlichen Anblick.

Die Elfen auf der Krokuswiese

Die Sonne hat inzwischen alle Pflanzen wieder erwärmt und besänftigt. Die Blumen schämen sich jetzt ein bisschen, wegen ihres unfreundlichen Empfangs für die Elfenkrokusse. Nur der Winterling meint keck: “Warum sollten denn ausgerechnet wir Blumen klüger sein, als die Menschen? Sind die nicht auch oft ungerecht zu Anderen, nur weil sie diese nicht kennen?” .

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4 Kommentare

  • Elisabeth Carda sagt:

    Elfenkrokusse – Krokus tommasianus pflanzen steht aufgrund dieser Geschichte schon für Kalenderwoche 39 auf dem Kalender…..:-) Gemeinsam mit meinem 4-jährigen Enkel, dem ich vorher die Geschichte vorlesen werde !

    • Wurzerl sagt:

      Ich finde eigentlich den Bezug dieses Märchens zur momentanen gesellschaftlichen Entwicklung beängstigend aktuell.Schade.
      Wünsche Euch fröhliches Verbuddeln!
      LG Wurzerl

  • Erika Elferink sagt:

    ein sehr schönes Blumenmärchen

    • Wurzerl sagt:

      Liebe Erika, dieses Märchen ist nicht der Anfang, wie die Nr. 1 suggeriert. Stell Dir vor, jetzt nach 11 Jahren habe ich mit dem Website-Basteln plötzlich den Anfang gefunden und das wird das übernächste Märchen werden, also ein neues Märchen und dann an die richtige Stelle Nr. 1.
      Wünsche Dir einen schönen Abend.
      Wurzerl