Retrospektive Garten Moorriem

Garten Moorriem, Elsfleth

Oft schon musste ich mich in meinem Leben von geliebten Menschen, Katzen und Hunden  verabschieden. Aber niemals, soweit ich mich erinnere, verlor ich einen so lieb gewonnenen Garten wie “Moorriem”.

Riesengroß war mein Erschrecken, als ich Ende 2019 auf der Website von Albrecht und Ute Ziburski lesen musste, dass 2020 das letzte Jahr des “Offenen Gartens” bevorstand. Dreimal war ich für diesen Garten hin und zurück ca. 2200 km gefahren und natürlich hatte ich für 2020 mindestens 2 Abschiedsbesuche in diesem Garten geplant, als Corona letztes Jahr unser aller Leben ein Stück weit veränderte. Es gab keine Möglichkeit mehr, mich von diesem geliebten Garten und seinen großartigen Schöpfern zu verabschieden, denn die Schließung wurde ein Jahr vorgezogen und die Gartentore wurden für immer verschlossen.

alte Wagenachse von 1863, Garten Moorriem,
alte Wagenachse von 1863

Nein, ich werde hier kein Requiem abhalten. Ich möchte Euch einladen, mit mir einen der besten Gärten Deutschlands mit einem Schlussakkord zu feiern. Wie könnte ich mich besser von diesem wertvollen Garten, dessen Schließung in meinen Augen ein herber Verlust für die deutsche Gartenlandschaft ist, verabschieden, als mit einem letzten “Spaziergang zwischen Rittersporn und Wiesenknopf”?

Die Landschaft rund um Elsfleth und das Anwesen

Reet gedeckte Bauernhäuser mit üppig blühenden Gärten, umgeben von einer ruhigen Wiesen-Landschaft, sowie mittelalterliche Siedlungs-Strukturen, noch erkennbar an den schmalen, langen Hofstellen – das ist die Landschaft um Elsfleth in Niedersachsen. Am Dorfrand befindet sich ein 300 Jahre altes Ständer-Haus, eingebettet in einen authentischen historischen Visiten-Garten und einem landschaftsbezogenen, natürlich wirkenden Wiesen-Garten, innerhalb des markanten Landstrichs Moorriem.  

Bauernhaus Moorriem, Straßenseite

Obwohl die Höfe des Ortes Moorriem alle etwa 100 m von der Straße entfernt liegen, gibt es keine Vorgärten. Arbeitswege, Pflasterungen und schlichtes Grün herrschen hier vor. Diese Tradition wurde, wie vieles in Haus und Garten, bewusst von der Familie Ziburski bei ihrem Neubeginn so beibehalten.

Garteneingang an der Hausseite von Moorriem

Das weiße Tor ist, wie immer an den offenen Sonntagen, weit geöffnet. Sobald man auf der linken Seite des Hauses eintritt, befindet man sich auf einem schmalen Weg, der an der “Visitenkarte” des Hauses vorbei, in den großen Garten führt. Unter dem Überstand des Reetdaches gibt es rund um das Haus, dem Garten zugeneigt, erste schmale Beete.  

Hausseite und Weg in den Visitengarten von Moorriem, links Beginn des Wirtschaftsweges

Im Hochsommer sieht man kaum mehr etwas von den Steinen. Im Entrée haben sich im August Nassella tenuissima, das mexikanische Federgras und Erigeron karvinskianus, das spanische Gänseblümchen so ausgebreitet, dass die Fläche wie ein geschlossenes Beet wirkt. Zusätzliche Ton-in-Ton Farbtupfer verleihen dazwischen einzelne Pelargonien-Töpfe. Das Gros der Topf-Geranien findet sich jedoch an der unbenutzten Seitentür des Anwesens. Abgesehen von den Töpfen in der kleinen feinen Gärtnerei im Eingangsbereich, ist diese kleine Pelargonien-Sammlung der einzige Topf-Garten in Moorriem.

Kopfweiden am Graben, neben dem Wirtschaftsweg

Links vom Durchgang in den Garten verläuft ein Wirtschaftsweg bis an das Grundstücks-Ende, vormals waren das 5 km, heute sind es noch ungefähr 150 m. Garten ist natürlich auf diesem festgefahrenen Areal nicht möglich, aber die Kopfweiden am Graben schmücken das ganze Jahr. Im April haben die Grabenränder ihren optischen Höhepunkt, wenn tausende Narzissen am Graben-Ufer blühen.

Blick vom Wiesen-Garten in die Wiesen-Landschaft, Garten Moorriem

Bevor ich den Visiten-Garten betrete, möchte ich noch das Wort Moorriem erklären. Schon ab dem 12. Jh. wurde das Land mit Gräben und Siel-Zügen trockengelegt und in Kultur- und Besiedelungland umgewandelt. Die Dörfer Moorriems sind ganz typische Marsch- und Moorhufendörfer. Die Höfe liegen dicht an dicht, mit Ost-West-Ausrichtung und damit sehr schmalen, aber unglaublich langen Ländereien. Es gibt Hofstellen mit 8 km Länge, aber nur 20 m Breite. (Der Wirtschaftsweg vom Garten Moorriem hatte 5 km!). Diese langen Streifen werden als “Riemen” bezeichnet, die kilometerlang von der Marsch bis zum “Moor” reichen.  

Der Visiten- und Obstgarten

Im 18. und 19. Jahrhundert brachte der fruchtbare Marschboden den Bauern im Landstrich Moorriems so viel Wohlstand, dass sich eine spezielle Gartenkultur entwickeln konnte. Auf der der Straße abgewandten Seite entstanden sogenannte Visitengärten. Das sind Wiesen, in denen neben einigen Obstbäumen auch kleine Pflanz-Inseln mit Buchs oder Rosen platziert wurden. Rosa ‘Charles de Mill’ und Rosa ‘Ghislaine de Feligonde’ sind auf dem Foto zu sehen. In diese Prestige-Gärten lud man sonntags die Verwandten oder Nachbarn ein. Als Familie Ziburski 2006 mit den Planungen des Gartens begann und sie einige alte Fotos aus den Gärten der Umgebung fanden, da war schnell klar, es braucht einen Visitengarten.

Sobald man ihn betritt, öffnet sich der Blick und gleitet über die Obstwiese hinweg, an den Sitzplätzen vorbei, direkt in den “Junigarten” hinein. Während vereinzelt Besucher unter dem Schatten der Obstbäume “kaffeesieren” (so nennt man Kaffeetrinken in Moorriem), gehe ich direkt, die Sichtachse entlang, in den Junigarten.

Rittersporne im kühlfarbigen Junigarten

Um die Abgrenzung von Visitengarten zu Junigarten und weiter zum Spätsommergarten und Waldgarten nicht langweilig statisch wirken zu lassen, verlaufen die Quer-Hecken in etwas unterschiedlichen Höhen.

Blick über den Junigarten zum Spätsommergarten, Garten Moorriem

Vorne links befindet sich ein kleiner niedriger Knotengarten, nach hinten werden die grünen Mauern höher, so dass man problemlos einen Blick bis zum Waldgürtel riskieren kann. Anhand der schlichten Schale im Knotengarten auf der linken Seite, zeige ich drei Bilder von Anfang Juni, Ende Juni und August, um zu demonstrieren, dass “Nomen” nicht immer “Omen” sein muss.

Ich bewundere diesen Gartenteil, der nicht nur im Juni in Hochform ist. Am Monatsbeginn ist die Zeit der hohen Iriden! Braunrote Iris barbata ‘Provencal’ mit gelben Spiegeln auf den Hängeblättern der Blüten ziehen sich wie ein schmales Band durch die Beetränder. Gillenia trifoliata umtanzt es zusammen mit Geranium ‘Mrs. Kendall Clark’, dem Wiesen-Storchschnabel und schneeweißen Paeonien ‘Jan van Leeuwen’. Immer wieder lugen hohe Digitalis purpurea aus dem Blütenmeer heraus. Über einen langen Zeitraum hinweg spielt sich Alchemilla mollis immer wieder in den Weg und lockert die formale Beet-Einteilung auf.

Mitte des Monats taucht der Junigarten in einer blauen Galauniform auf, es ist die Zeit der Rittersporne und alte Sorten von Karl Foerster z.B. Delphinium ‘Finsteraarhorn’ oder ‘Ouvertüre’ trumpfen jetzt auf, dicht gefolgt von Papaver somniferum in seinen vielen Farb- und Formenspielarten. Im August nimmt sich der Junigarten dann sehr zurück. Gedämpfte Farben, aber vorwiegend neutralisierendes Weiß bei Scabiosen, Phlox und dem wunderschönen Thalictrum delavayi ‘Splendide White’, Delavays Wiesenraute, signalisieren die Stababgabe des Blütenhöhepunktes in den Spätsommergarten und genau dahin führt mein Weg als nächstes.

Heiße Farben im Spätsommergarten

Aus unterschiedlich großen Rechtecken setzt sich dieser Gartenteil zusammen. Er bietet farblich einen schönen Kontrast mit Stauden in warmen Farbtönen, die in traditioneller Höhenstaffelung gepflanzt wurden und sich so vom Junigarten unterscheiden. Dahlien, Hemerocallis, Montbretien, Alstroemeria aurea ‘Orange King’, Rudbeckien, Sonnenbräute, Sinacalia tangutica, Phlox paniculata ‘Düsterlohe’, es blüht herrlich bunt und von einem schlicht gestalteten Sitzplatz aus kann man den Garten in aller Ruhe mit seiner Fernwirkung genießen.

Bereits im Juni leuchtet dieser Gartenteil weithin. Die gelben Akeleien (Aquilegia chrysantha) und  Lupinen versprühen ihre Sonnenpfeile und prallen dabei auf die großen lilafarbenen Allium-Kugeln, die sich soeben öffnen. Diese Farbkontraste bauen eine Spannung auf, die sich den ganzen Sommer durch diesen Garten zieht. Gelb- und dunkelrotlaubige Gehölze spielen in diesen Beeten eine wichtige Rolle als Bühnenbildner.

Ich liebe provozierende Farbkombinationen wie sie der Phlox zusammen mit den Farbtönen der Zinnia hervorbringt. Die etwas steif im Beet stehenden Zinnien werden kurzerhand von eleganten Gräsern (Miscanthus) “in den Arm genommen”. Helenium wird in Moorriem gerne und mit seinem ganzen Farbspektrum verwendet. Auch die rote Crocosmia x crocosmiiflora ‘Lucifer’ hat hier einen Stammplatz. Die Aster frikartii x ‘Mönch’  und  das Sonnenauge (Heliopsis helianthoides var. scabra ‘Venus’) sind ein starkes, stimmiges Paar. Wieder einmal kann ich mich gar nicht satt sehen an diesen frischen, leuchtenden Beeten. Aber, die Hecke macht mich mehr und mehr neugierig, denn am Ende des Spätsommergartens endet der lange Sichtachsen-Bereich des Grundstücks an einer letzten, diesmal höheren, grünen Mauer, bei der es keinen Durchgang mehr in der Mitte gibt.

Der Waldgarten und die Gräben

Quer durch mehrere Grundstücke hindurch haben sich Eichen, Weiden und Eschen wild ausgesät und bilden einen willkommenen Windschutz. Für Moorriems angrenzenden großen Wiesengarten ist die hohe Kulisse sehr erwünscht, aber das Wäldchen bietet auch die Chance, unter den Baumkronen  einen Schattengarten zu gestalten. Hinter der Hecke endet der formal angelegte Garten-Bereich. Sobald man das Wäldchen betritt, hört man die Vögel lauter und fühlt sich wie in einem natürlichen kleinen Hain. Vielleicht erinnern die beiden Vogel-Topiary im Eingangsbereich nach der Hecke den Gärtner daran, dass hier nur naturgemäß vorgegebener Schnitt erlaubt ist?

Albrecht Ziburski liebt den Mai im Waldgarten besonders. Schneebälle (Viburnum), die frisch vollendeten Blattaustriebe von Farnen, Hostas und Rodgersien und die weißen Blüten-Tupfen von Anthriscus sylvestris ‘Ravenswing’ bringen eine beschwingte Leichtigkeit in den Schattengarten. Die favorisierte weiße Blütenfarbe zeigt sich im Hochsommer erneut bei den Blüten der Eichblatt- und Rispen-Hortensien (Hydrangea). Silberkerzen, die schneeweiße Hainsimse, die kleinen, orchideenartigen Blüten der Elfenblume grandiflorum, Wildformen von Paeonien, darunter eine Lieblings-Staude der Besitzer, Paeonia emodii ‘Late Windflower’ und Storchschnäbel geben sich hier im Hochsommer die Ehre.

Die Gräben signalisieren teilweise Jahrhunderte alte Grenzen. Für Albrecht und Ute die Chance auf mehr als 100 m Länge eine abwechslungsreiche Uferbepflanzung zu planen. Noch heute wird mit Hilfe der Gräben der Wasserstand reguliert. Interessant ist für mich auch zu sehen, dass diese Art “Wasser” keine Konkurrenz durch einen künstlich angelegten Teich oder Springbrunnen im Garten bekommen hat. Es wurde wirklich mit viel Gespür und historischem Bewusstsein geplant und gearbeitet.

Am Graben-Ufer gedeihen unter anderem Ligularia, Carex elata ‘Aurea’, der bewimperte Felberich ‘Firecracker’ und Iris sibirica. Angelica gigas, die rote Engelwurz, dominiert die Uferbepflanzung des Grabens nahe der Brücke. Die wie Zinnen wirkenden Buchs-Topiary setzen den Kontrapunkt  für den (“Burg”)-Graben und das Ende des Schatten-Bereichs und lenken den Blick von der Brücke aus noch einmal zurück in den Waldgarten.

Ich liebe den Waldgarten zu jeder Jahreszeit. In seiner grünen Stille kann das Auge vom Feuerwerk des Spätsommergartens ausruhen, sich an botanischen Schmankerln, wie dem schwarzen Germer, Veratrum nigrum, erfreuen und sich langsam auf den überwältigenden Schlussakkord vorbereiten. Auf der Brücke stehend, lasse ich den Blick hinausgleiten auf einen fantastischen offenen Gartenraum. 3000 qm Wiesengarten breiten sich vor mir aus und winken mir zu hinauszutreten. Das ist etwa die Hälfte zu den vorderen Gartenbereichen, denn insgesamt sind es 6000 qm pures Moorriem!

Barfuß durch den Wiesengarten

Was ist denn nun generell der Unterschied von diesem Gartenteil zum vorher gezeigten? Alle bisher vorgestellten Bereiche bis zum Ende des Spätsommergartens stehen mit einer langen Sichtachse visuell in engem Bezug zum Bauernhaus. Die Gartenteile sind hauptsächlich formal angelegt und entsprechen historischen Vorbildern. Jetzt dreht sich das Ganze komplett um. Der Wiesengarten orientiert sich allein (da nach dem Waldgürtel ja keinerlei Bezug mehr zum Haus besteht) an der umgebenden Wiesenlandschaft. Man findet hier eine sehr raffinierte Bepflanzung mit erlesenen Gehölzen und vielen Stauden, die eine natürliche Wirkung haben und sich somit auch perfekt in das Wiesen-Landschaftsbild einfügen. Protzige Prachtstauden gibt es hier nicht, aber eingestreute Raritäten für feine botanische Erlebnisse. Und… das erste was man hier tun möchte ist, die Schuhe und Strümpfe auszuziehen und barfuß durch das kurz gehaltene Gras zu schlendern, das sich wie ein riesiger grüner Teppich um die herrlichen Wiesen-Beete drapiert. Wofür ich nun einen langen Absatz zur Erklärung benötigte brauchten Albrecht und Ute Ziburski in ihrem Buch über “Moorriem” nur einen einzigen Buch-Untertitel-Satz:

“Ein Spaziergang zwischen Rittersporn und Wiesenknopf”.

Nach dem blauen “Rittersporn”-Gerassel im Junigarten bin ich nun im Reich des “Wiesenknopfs” angekommen und laufe zum Garten-Theater. Geschützt von einer sichelmondförmigen Buchenhecke, mit der niedrig gehaltenen Blutberberitze im Vordergrund als “Bühnenrand” kann man in ein unbeschreibliches Blütenmeer eintauchen. Hier möchte man Shakespeares “Sommernachtstraum” erleben!

Lange hält es mich nicht in der Loge, es zieht mich weiter zur Hecke, die ich als erstes entlang schlendern möchte. Die anfangs verhaltenen Farbtöne gehen schnell in heiße Samba-Rhythmen über, die sich bis zum hinteren Gartenende zum furiosen Stakkato steigern, um dann wieder in neutral verhaltenes blau, weiß und rosa überzugehen. Die Waldseite ist dagegen in den Farbtönen des Junigartens hell gehalten. In einem 50 m Mixed Border Streifen spielen Echinacea purpurea und pallida die übermächtige Hauptrolle, nur gebändigt von einigen grünen Nadelholz-Säulen und einem panaschierten Etagen-Hartriegel, hofiert von allerlei Stauden und Annuellen. Und genau so laufen jetzt auch die Fotos einmal um den Wiesengarten.

Mit akkurat geschnittenem Rasen, wenigem, angedeutetem Topiary und riesigen großzügig geschwungenen Mixed-Border-Inseln wird im Wiesengarten eine besondere Stimmung erzeugt, die sich durch das Eindringen der weiten Landschaft in einer Ecke am “Bug” des Gartens noch verstärkt. Viele Gräser, Doldenblütler und Stauden der Wiesen- und Prärie-Vegetation kommen im hinteren Garten zum Einsatz. Mädesüß, Wiesenknopf, Wiesenraute, Sonnenbraut, Schein-Sonnenhut, Weidenröschen, Verbenen und Katzenminze schauen, aufgelockert mit Gräsern, neugierig aus den Beeten. Durch besonders  groß  gestaltete Beet-Räume führen schmale Wege direkt in die Pflanzungen hinein. Da findet man immer wieder auch besondere Kostbarkeiten, wie Gladiolus papilio ‘Ruby’.

Trotz der beiden farblich völlig unterschiedlichen Seiten des Wiesengartens gibt es auch hier verbindende Elemente. So ist eine der Leitpflanzen im temperamentvollen “Feuerbereich” die Sonnenbraut, ebenso ein Korbblütler, wie es die Pendants auf der kühlen Waldseite sind, die Schein-Sonnenhüte.

Die Helenium-Stauden sind in den Farben gelb, orange und braunrot großzügig ineinander verwoben und bilden beeindruckende Farbflächen. Herrliche Helenium Sorten wie ‘Flammenrad’ und ‘Rauchtopas’ zeigen im August, was in ihnen steckt. Molinia caerulea ‘Edith Dudszus’ und hoch aufragende Veronicastrum Sorten wie ‘Diana’ wiegen sich dazu begleitend im Wind. Eine Goldrute wird von neugierigen Sonnenbräuten umringt. Ein Großteil der Stauden spielt sich im ‘Mingled Style’ durch die Beete. Das erhöht  die Fernwirkung! Eine großflächige Pflanzung wirkt nicht nur bei 3000 qm imposant. Großzügigkeit zahlt sich bei jeder Garten-Größe aus – einzelne Stauden-Exemplare werden in jedem Areal verschluckt.

Wohltuend empfinde ich, dass keine hohe Hecke eine Barriere entstehen lässt. Nur wenige eingestreute Gehölze sind Gerüstbildner und strukturieren das Blütenmeer. Im Zaum halten können auch sie die bunten Wogen nicht! Auf der Rasenfläche gibt es nur vereinzelte Bäume, so dass der Name Wiesengarten den Charakter der Pflanzung gut beschreibt. Die abgrenzende Hecke zur Wiesenlandschaft ist mit einem “Vista”, einem Hecken-Fenster, versehen. Hinten am “Bug” lässt sie den Garten einfach in die Landschaft hinauslaufen.

Besonders schön finde ich die kleine Birken-Gruppe. Da sie schon in relativ jungen Jahren eine sehr weiße Rinde aufweist, könnte es sich gut um Himalaya-Birken, Betula utilis handeln.

Im hinteren Gartenbereich mischen sich immer mehr weiße und blaue Blüten in das bisher knallig dominierte Farbschema. Ich wende mich der Waldseite zu und komme in den Bereich der kühlen, helleren Farben, die vielleicht weniger Temperament ausstrahlen, dafür einen romantischen Touch beim Betrachten hinterlassen. Noch dominiert hier der Scheinsonnenhut ‘Alba’ mit seiner weißen Blüte, aber das wird sich schnell ändern.

Vielleicht ist es schon jemandem aufgefallen, außer Sitzplätzen gibt es im Garten nur lebendigen Zierrat. Ja, es ist tatsächlich so, der Garten kommt total ohne Dekoration aus. Aber eine sehr interessante Sache habe ich doch gefunden. Dabei würde ich dieses Wagenrad eher als ein bäuerliches Relikt der Vergangenheit, denn als Deko ansehen. Es wirkt so, als wäre es einfach irgendwann hier vergessen worden.

Auf zwei Bildern der Wagenachse, einmal Anfang Juni und das zweite im August entstanden, kann man sehen, wie sich innerhalb von 2 Monaten der Wiesengarten verändert. Das Entstehungsdatum “1863” kann man im Juni noch mühelos an den geschmiedeten Zahlen am Holz ablesen, wenn der Wiesengarten mit seiner Blüh-Explosion beginnt und hohe Bartiriden und Allium nebst Katzenminze das Wagenrad mit gebührendem Abstand umschmeicheln. Auf dem August-Bild ist die Wagenachse bereits von Stauden wie der Stauden-Sonnenblume, Phlox, Duftnessel, Kugeldistel und Schlangenknöterich erobert und größtenteils überwuchert worden.  

Am Waldrand erwartet mich schon mein “Herzens-Beet”. Echinacea gilt ja als Herz-Stärkungsmittel, für meines reicht ein Besuch in Moorriem völlig aus. Und das 50 m lange, Echinacea dominierte Beet, das mich vor den hohen Bäumen des Waldgürtels anleuchtet, lädt mich ein zum Nähertreten, Träumen und Verweilen.

Ich tauche ein in die Welt der Scheinsonnenhüte. Die drei verwendeten Echinacheen  pallida, purpurea und ‘Alba’ verweben sich nicht nur ineinander (diesen ‘Mingled Style’ sah ich schon auf der Helenium-Seite), sondern suchen sich immer wieder neue Partner, um  in verschiedenen Gesellschaften zu glänzen. Sogar Angelica gigas hat sich vom Graben-Ufer aus in den Wiesengarten hinein begeben, um in diesem Ringelreihen dabei zu sein. Das weiße Veronicastrum virginicum ‘Diana’ lockert wie Verbena bonariensis diese Beet-Partie auf. Die Agastachen steuern ein blasses Blau bei, das die Scheinsonnenhüte noch besser zur Geltung bringt. Gräser winken ihren Nachbarn zu, oder wie im Fall des Reitgrases ‘Karl Foerster’ bringen sie ein wenig straffende Ordnung in die Stauden-Gemeinschaft. Angelica gigas, Digitalis ferruginea, Sanguisorba officinalis ‘Tanna’ und das duftige Gras Molinia caerulea ‘Edith Dudszus’ haben im Wiesengarten die Freiheit, sich auf beiden Seiten zu etablieren.

Wiesengarten, Garten Moorriem

Wie gut, dass mir nicht bewusst ist, dass ich das letzte Mal vor meinem “Herzensbeet” stehe! Ich frage mich, was den einmaligen Zauber Moorriems ausmacht. Es ist dieses glückliche Aneinanderreihen von einem wunderbaren 300 Jahre alten Bauernhaus, einem Ständerbau, mit den ersten drei Gartenteilen (Visitengarten, Junigarten, Spätsommergarten) dem sich anschließenden Waldgürtel und den Gräben, bis zum ästhetisch, natürlichen  Wiesengarten, der die umgebende Wiesenlandschaft mit einbezieht in ein großartiges kulturelles und gärtnerisches Gesamtkunstwerk. In meinem Herzen wird Moorriem weiterleben. Wie traurig, dass es in Deutschland keinen National Trust gibt!

Angelica gigas, Echinacea purpurea, Wiesengarten, Garten Moorriem

Wenn ich die Fotos zum 100 sten Mal durchgeblättert habe, dann greife ich zum Ulmer Buch, das Albrecht und Ute Ziburski sehr authentisch selbst über ihren Garten geschrieben haben und mit ihren eigenen Fotos zu einem individuellen Spaziergang: “zwischen Rittersporn und Wiesenknopf” zu verschiedenen Jahreszeiten und Witterungsverhältnissen einladen.

https://www.ulmer.de/usd-3210593/garten-moorriem-.html

Da der Garten nicht mehr für Besucher existiert, werde ich die Adresse für Reiseplanungen nicht aufführen. Ich danke Albrecht Ziburski für die Erlaubnis, diese Retrospektive auf Wurzerlsgarten zeigen zu dürfen.

Wiesengarten, Garten Moorriem

Liebe Familie Ziburski, Ihr habt den unzähligen Freunden des Gartens “Moorriem” mit der jährlichen Öffnung von Mai – September unvergleichlich schöne Garten-Stunden geschenkt. Nirgends konnte man so wunderbar kaffeesieren und Butterkuchen dazu genießen.

Vielen Dank dafür und alles erdenklich Gute für die Zukunft.

Teile als erste*r diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

13 Kommentare

  • Marie Christie Wysch sagt:

    Liebe Renate, das sind ganz phantastische Fotos und eine Beschreibung des Gartens der ans Herz geht. Und obwohl ich den Garten Moorriem nur ein einziges Mal besucht habe, teile ich Deinen Kummer über den Verlust dieses Gartens. Für mich ist das nicht das erste Mal, dass ein Garten mir “entrissen” wird. 2014 schloss Ineke Greve ihren Garten in Heerlen aus Altersgründen. Es war einer der besten niederländischen Privatgärten.Fast 20 Jahre lang besuchte ich diesen Garten wenn er im Juni seine Tore öffnete. Schon ein paar Jahre vorher hatte ein besonderer Garten in Belgien schließen müssen. Ich erlebe, dass immer mehr Gärten verschwinden. ” Mit dem Gärtner stirbt auch der Garten” sagte eine Gartenfreundin. Es ist ein Jammer, dass wir nicht wie die Engländer über etwas wie den National Trust verfügen. Auch die Niederländer bedauern das. Aber warum tut man nichts? Bauwerke werden mit viel Aufwand durch den Denkmalschutz erhalten. Warum nicht auch bedeutende Gärten?

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Marie Christine, genau die Frage habe ich auch gerade auf der FB Seite des Netzwerkes Pflanzensammlungen gestellt. Es gibt in Deutschland eine “deutsche Stiftung Denkmalschutz”. Aber die konzentrieren sich zu 99 % auf Gebäude. Meines Wissens wurde der Karl Foerster Garten unterstützt (um dem alten Wohnhaus wieder das Gesicht zu geben) und auch im Max Liebermann Garten Berlin Wannsee wurde unterstützt. Aber für so etwas bräuchte es schon mehr als einen NT! Aber schön zu wissen, dass Du meine Gedanken verstehst und das auch schon erlebt hast. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. LG Wurzerl

  • Ulrike Koska sagt:

    So ein schöner Rückblick auf einen traumhaften Garten oder besser gesagt, Park…
    Text und Bilder von dir, liebe Renate machen das Ganze zu einem wunderbaren Spaziergang. Vielen Dank dafür.
    Albrecht zeigt jetzt oft schöne Fotos auf Instagram, ich glaube, er hat sich in die Fotografie vertieft.Seine Bilder sind immer eine Augenweide.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende 💞

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Ulrike, es ist vielleicht die einzige Möglichkeit, diesen Garten festzuhalten. Sein Buch und die Fotos.Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. LG Wurzerl

  • Alla Möller sagt:

    Liebe Renate, beim Lesen und Schauen deines herrlichen Berichts, bin ich ganz wehmütig geworden. Seit ein paar Jahren wohnt unsere Tochter in Bad Zwischenahn. Oft nahmen wir uns einen Besuch des Gartens vor, immer kam etwas dazwischen, und man tröstete sich mit dem Satz: machen wir nächstes Mal oder der bleibt uns ja. Schade, aber es bewahrheitet sich, wenn man was vorhat – tun und nicht aufschieben.
    An deinem schönen Bericht werde ich mich aber noch öfter erfreuen, vielen Dank dafür.

    • Das Wurzerl sagt:

      Ja liebe Alla, wir können täglich von der Natur lernen. Es nützt nichts, wenn wir die Biene morgen schützen wollen, da gibt es sie vielleicht schon nicht mehr. Es nützt nichts, endlich den seit vielen Jahren begehrten Baum zu pflanzen, wenn er vielleicht längst auf der Abschussliste der Klimaveränderung steht, wie Fichten, Thujen, Hortensien und Eichen. Es nützt auch nichts Gartenbesuche zu verschieben, nicht wegen dem Beispiel Moorriem, das ist drastisch. Aber wenn ich alleine an meine sicher 1 Dutzend Besuche im Staudensichtungsgarten Weihenstephan denke, es waren 12 verschiedene Gärten, denn die Vegetation wechselt ja andauernd und so lohnt sich jeder einzelne Besuch in einem Garten, weil man niemals zweimal in den gleichen Garten kommt. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. LG Wurzerl

  • Erika Elferink sagt:

    ein wunderschöner Garten und wieder toll beschrieben und kommentiert von Dir.

    • Das Wurzerl sagt:

      Vielen Dank liebe Erika, wenigstens bleiben die Fotos und Erinnerungen, das macht den Garten für mich doppelt wertvoll. Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag. LG Wurzerl

  • Ruth Von Eicken sagt:

    Diesen Garten habe ich 2016 besucht, mit einer Gartenreise. Unvergesslich! Ich habe noch einige Pflanzen in meinem Garten von dort, und so viel gelernt. All good Things must come to an end…. Aber es gibt Samen in den Herzen der Menschen und der wir aufgehen

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Ruth,genau so ist es, alles was wir mit dem Herzen betrachten, das bleibt uns für immer. Ich wünsche Dir einen geruhsamen Sonntag. Liebe Grüße Wurzerl

  • Monika Heidorn sagt:

    Liebe Renate, lieben Dank für diesen zauberhaften Bericht, es stimmt mich wehmütig, dass so viele Schätze verschwinden. Durch die Bilder bleiben sie erhalten und du hast wieder alles mit viel Herzblut beschrieben. LG Monika

    • Das Wurzerl sagt:

      Danke liebe Monika, es freut mich sehr, dass Dir die Erinnerung an Moorriem gefällt. Ich wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche. LG Wurzerl