Kunst im Garten Pecoraro-Schneider

1. Kunst-Vernissage von Reinhard Schneider im Garten Pecoraro-Schneider

Retrospektive zur 1. Kunst-Vernissage Oktober 2018 im Garten Schneider/Pecoraro-Schneider

Der Garten

Als ich den Garten 2015 das erste Mal besuchte, fühlte ich mich sofort wohl. Ein traditionelles Bauernhaus war nun der Wohnbereich des Ehepaares Schneider/Pecoraro-Schneider geworden, der Garten passend zur umgebenden Landschaft und zum Haus in ländlichem Stil gehalten.

Herbstgarten Pecoraro-Schneider Anfang Oktober 2018

Der Garten hat zwar ein starkes, harmonisches Traditions-Bewusstsein, strahlt aber trotzdem eine unwahrscheinliche Dynamik aus, die beide Gärtner mit Leidenschaft und immer neuen Ideen vorantreiben. Die Experimentierphase ist noch bei weitem nicht abgeschlossen, immer wieder werden Gartenbereiche noch stimmiger und abwechslungsreicher gestaltet. Schön ist, dass es völlig egal ist, ob man unter einem Obstbaum auf der Bank sitzt und das rege Leben der Teichbewohner beobachtet, ob man es sich in der Weinlaube gemütlich macht, um in Ruhe die Hochbeete zu betrachten, oder sich auf einen Stuhl an der Hausmauer setzt, um den Kreuzweg im vorderen Bereich zu bewundern, es ist immer ein Garten aus einem Guss, mit einem klugen Plan, der sukzessive nach und nach umgesetzt wurde und wohl immer weiter verifiziert werden wird, solange Sabine und Reinhard Freude daran haben.

Hier sind Künstler am Werk, die ein Gespür für passende Stauden und Gerüstpflanzen haben und diese im ‘Layering’-Verfahren so dicht zusammenpflanzen, dass das Unkraut weitgehend ein Nachsehen hat. Hier wohnen Gourmets, die gerne selber anbauen um ihre Ernte anschließend kulinarisch verarbeitet zu genießen – natürlich mit dem selbstgebackenen Brot aus dem eigenen Backofen. Hier wohnen Architekten mit historischer Stilsicherheit und gutem Gespür für die regionale Kultur. Hier gibt es Rücksicht auf die Natur und ihre Belange. Es gibt aber auch Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse, die eingestreuten Hochbeete  oder die mächtige Kräuterspirale zeigen, dass es nie zu früh ist, mit dem “seniorisieren” eines Gartens zu beginnen. Reinhard Schneider ist mit seinem Garten inzwischen so eng zusammengewachsen, dass er mit Steinguss-Skulpturen und mit Beton ummantelten Stahlfiguren zwei unterschiedliche Kunst-Elemente schuf, die wirken, als wären sie genau für diesen Garten konzipiert worden. Und so war es naheliegend, dass der Künstler am 03.10.2018 zu einer kleinen, feinen Kunst-Vernissage in seinen eigenen Garten einlud. 

Der Bauerngarten und der Gräserpfad

Diesen Tag, der auch mein 38. Hochzeitstag war, möchte ich heute gerne wiederaufleben lassen. Aber ich verspreche, ich werde versuchen, auch dieses Gartenjahr meine Freunde zu besuchen, um die vielen Änderungen der letzten Jahre, dokumentiert mit aktuellen Fotos, zeigen zu können!

Schon von der Straße aus sieht man die wogende Pracht des herbstlichen, stimmigen Bauerngartens. Sobald sich das Gartentürchen hinter mir schloss, stand ich in der Sichtachse des Gräserpfades. In diesem Bereich spielt sich ein Teil der “Kunst im Garten” ab. Schneeweiße Plastiken, natürlichen Samenständen überdimensional nachempfunden, fügen sich harmonisch, ohne die Leichtigkeit der Gräser zu erschlagen in die Umgebung ein. Die weiße Hauswand ist eine zusätzliche Verbindung zwischen den Kunstwerken und dem Garten. Die leuchtenden Ähren des Miscanthus korrespondieren mit den strahlend weißen Objekten und das Diamantgras vollendet harmonisch den Dreiklang. Das samtige Weinrot des Knöterichs, Persicaria ‘Blackfield’ ist die einzige Farbe, die mit den weißen Plastiken kokettieren darf. “Weißer Hermelin mit rotem Purpur-Besatz”? – wie komme ich auf diese Assoziation -auf jeden Fall stimmig – Natur ist kostbar und unbezahlbar und “echte” Kunst ist das genauso.

Obwohl immer wieder neue Besucher mit Reinhard an mir vorbeigingen, leise in Gespräche vertieft, lag insgesamt eine sehr andächtige, wohltuende Ruhe über dem von der Herbstsonne angenehm aufgewärmten Garten. Ich sitze gerade über diesem Text und kann den Blick kaum von den Fotos im großen Bildschirm abwenden, denn schon bin ich wieder “mitten drin” in dieser wunderbaren, dichten Garten-Atmosphäre, die sich auf eine ganz eigene, kokonartige Weise mit mir unterhält und… seitdem Reinhards Kunst den Garten bereichert… ist diese Kommunikation um ein vielfaches angeregter geworden. 

Die Nachempfindung einer Eisenhut-Samenkapsel sprach mich besonders an. Sie verträgt auch die Blütenfarben des Herbst-Gartens gut und wirkte sehr positiv auf mich. Zum blauen Himmel hin geöffnet strahlt sie einen heiteren Optimismus aus, als würde sie rufen: “habe ich nicht das Paradies zu Füßen?” 

Die Größe der Skulpturen passen zu Gullivers Reisen – für mich ist es einfach eine Metapher dafür, wie wenig wir Menschen diese “Geburts-Stuben” zum Weiterleben der Pflanzen beachten und wie wichtig, “groß” und ästhetisch sie doch eigentlich sind.

Im Atelier von Reinhard Schneider

Diese Eindrücke musste ich erst einmal verdauen, die Tür zum Arbeits- und Ausstellungsraum war einladend geöffnet. Als ich eintrat wurde mein Blick magisch auf ein besonderes Kunst-Objekt gelenkt. Da war sie wieder, diese wunderbare Samenkapsel! Hier aber nicht weißtonig, sondern in erdigen Ziegel-Brauntönen.

Skulptur im Atelier von Reinhard Schneider

Ach, dachte ich etwas wehmütig, das hätte meinem Mann zu Lebzeiten so sehr gefallen. Das ist Kunst, die man versteht, die glaubwürdig ist, zum Anfassen und träumen zugleich – perfekte “Gartenkunst”. Am Tag der Ausstellung war nun gerade mein 38. Hochzeitstag – Zufall? Nein, ich glaube nicht an Zufälle und lief zu Reinhard, um ihn zu bitten, mir diese Skulptur zu reservieren – ein perfektes Hochzeitsgeschenk für meinen Mann! Es sollte an seinem Lieblingsort im Garten einen würdigen Platz finden. 

Modelle und Skizzen im Atelier Reinhard Schneider

Danach war mein Kopf frei, mich weiter im Atelier von Reinhard umzusehen. Ich entdeckte aufgehängte Papier-Skizzen, unmittelbar darunter die dazugehörigen Modelle der Skulpturen, die ich im Garten noch gar nicht gesehen hatte. Gründlich und methodisch hatte Reinhard diese komplizierten Vorarbeiten ausgeführt, später den Stahl gebogen und geschweißt und danach mit Beton ummantelt. Die Figuren, die er schuf, sind auf das wesentliche reduziert – wichtig sind ihre individuellen Bewegungen, in denen sie verharren.

Ich habe auch Reinhard Schneider gebeten, mir für Euch ein kurzes Video zukommen zu lassen, damit Ihr ihn und einige Gedanken zu seiner Kunst, in seinem Atelier aufgenommen, kennenlernen könnt. Ich denke das passt gut als Einstimmung zum zweiten Teil seiner Ausstellungs-Objekte. Einfach anklicken und den Ton bitte laut stellen.

Erneut im Bauerngarten angekommen, bewunderte ich wieder die Steinguss-Skulpturen, tauchte noch einmal in den Gräserweg ein, der parallel zum Haus bis weit nach hinten durchmäandert. Zwischendurch ertrank ich wiederum Wimpernschläge lang im Asternmeer und genoss die Harmonie des klassischen Wegkreuzes. Dann ging ich an Rudbeckias, Sedum, Astern, Verbascum, Helianthus und den Gräsern vorbei zum mittleren Gartenteil – dem Küchengarten.

Der Küchengarten und der Genussgarten

Der Küchengarten mit der Kräuterspirale im Zentrum und den umgebenden Hochbeeten, die einen Großteil des Jahres zum Ernten einladen, bilden den mittleren Verbindungsteil. Der rückseitige Randbereich gilt dem zweiten Teil der Kunst-Objekte, die sich bis in den “Genussgarten”, der vielfältig mit Obstbäumen, Sitzplätzen, einem Grill, der Bank am Teich und dem Backofen bestückt ist, fortsetzen. Etwas haben alle Gartenteile gemeinsam, abgesehen von Reinhards Kunst findet sich nur ganz spärliche, bäuerlich passende, zurückhaltende Dekoration im Garten. 

Obwohl die Kunstobjekte mit ihrem Rostbraun und der filigranen Machart sehr dezent waren, fand ich doch schnell die erste Figur wieder, die ich als Modell im Atelier gesehen hatte. Die Plastik wirkte schon im Entwurf sehr archaisch auf mich. Vor meinem geistigen Auge erschienen prähistorische Felsenmalereien. Aber nein, diese ausgemergelten Figuren hatten nichts mit den opulenten Jagdszenen in Lascaux und anderen europäischen Höhlen zu tun. Dann fiel mir Südafrika ein: “Drakensberge” oder “Cederberger Westkap”, genau, das war es. Zwar sind auch da vorwiegend Jagdszenen von Buschmännern dargestellt, (während es hier offensichtlich um Acker- und Gartenbau geht), aber jene Zeichnungen sind auch auf wesentliches beschränkt und die Farben entsprechen exakt dieser Figur im Küchengarten. Hier ist offensichtlich ein “Spatenstecher” am Werk.

der Sämann – der Kartoffelleger – der Spatenstecher

Plötzlich war ich mitten in einer ganz neuen Inszenierung mit neuer Ausstattung und Kulisse. Anstatt Gräserpfad mit weißen Samenkapsel-Objekten, fand ich im Küchengarten karge rotbraune Figuren vor, deren Charakter durch die “wettergegerbte” Rostoberfläche betont wurde. Der “Kartoffelleger” hier schien so mit seiner Tätigkeit beschäftigt, dass er mich gar nicht wahrnahm.

Das satte Grün im Küchengarten und die reifen Früchte und Gemüse in gelb und rot passen genauso perfekt zu dieser Figuren-Serie, wie der Samen-Zyklus sich ganz von selbst in den Gräserpfad einfügt. Was für eine göttliche Eingebung, diese beiden Themen und Farben räumlich komplett zu trennen und damit ihre Wirkung noch zu steigern. Auch der “Sämann” würdigte mich keines Blickes, er schien an mir vorbeizustürmen. Ich begriff, dass diese Figuren wohl den Prozess der Sesshaft-Werdung des Menschen darstellten. Wie schwer war der Weg  vom Jäger und Sammler bis hin zum sesshaften Menschen, der sich in Ackerbau und Viehzucht übte? Damals bedeutete der geringste Fehler den Tod. Es gab keine Hilfestellungen, keine Vorbilder, nichts – dafür genug Feinde, die einem das mühsam Geschaffene schnell entrissen.

"Der Kannengießer" Skulptur von Reinhard Schneider 2018 im Garten Pecoraro-Schneider
Der Kannengießer

Ein Blick zur Kapuzinerkresse in einem der Hochbeete brachte meine Gedanken zurück in die Gegenwart. Diese Vorzeit-Menschen hatten mit jeder Generation das Leben erträglicher und vielfältiger gemacht und weiter nach vorne gebracht. Sie haben unsere heutige “Über-Zivilisation” durch ihr Überleben erst ermöglicht. Der “moderne” Mensch dagegen vermittelt mir eher das Gefühl, als würden wir seit Generationen das Überleben wieder schwieriger und komplizierter machen. Meiner Ansicht nach sind wir aus dem Paradies hinausgefallen, (nicht vertrieben worden) als wir das “Geld” erfunden hatten. Damit meine ich wertlose Zahlen auf Papier, die selbst nicht einen Cent Wert besitzen, nicht das Primitiv-Geld, wie Muscheln und Speerspitzen, das zum Gütertausch wichtig und sinnvoll war. Macht- und Geldgier bescherten uns Kriege, Plastikabfall, Atommüll, unsaubere Luft, Urwaldvernichtung, Artensterben, Wasserverseuchung, Klima-Aufheizung, ja eine beliebig fortsetzbare traurige Bilanz. Den “Kannengießer” interessierten meine Überlegungen nicht. Unverdrossen ging er seiner Tätigkeit nach, die seit sich seit tausenden von Jahren nicht groß verändert hat.

"Der Obstpflücker" Skulptur von Reinhard Schneider 2018 im Garten Pecoraro-Schneider
Der Obstpflücker

Alle Figuren gehen ganz unaufdringlich ihrer Tätigkeit nach, was umso eindringlicher ihre Geschichten erzählt. Der “Obstpflücker” erntet im Randbereich des Küchengartens zum Genussgarten. Auch hier sind die Farben passend in rotbraun gehalten. Sobald man sich nicht mehr auf eine Skulptur konzentriert, wird sie von ihrer Umgebung aufgesogen. So wunderte es mich nicht, dass ich in dem Moment, als ich den Genussgarten betrat, für einen Augenblick dachte, ich hätte die Figuren lediglich geträumt.

Im Genussgarten, dem hintersten Gartenteil, steht eine Bank am Teich. Sie war genau der richtige Platz, um die Kunst-Ausstellung im Garten in meinem Kopf Revue passieren zu lassen. Die Leichtigkeit des Seins im Gräserpfad und die reife Schwere der Samenkapsel-Objekte steht einem entscheidenden Stück Menschheitsgeschichte, im Küchengarten hervorragend inszeniert, gegenüber. Jede Figur, die mich im Garten schwerbeschäftigt, keines Blickes gewürdigt hatte, spricht jetzt am Bildmonitor ganze Monologe zu mir. Ja, ich höre auch leise Vorwürfe: “was habt Ihr bloß aus dieser unserer Erde gemacht”? 

Ich verspüre plötzlich den dringenden Wunsch viele Menschen an diesen Ort zu schicken und ich hoffe wirklich inständig, dass das, was ich im Garten vorfand, nicht nur für eine Ausstellung dort seinen Platz gefunden hat, sondern auf Dauer bleiben darf. Es sind für mein Empfinden genau die richtigen Objekte, am richtigen Ort, bei den richtigen Menschen. Mit meiner eigenen Sichtweise entdeckte ich eine kommunikative Gartenkunst, die mich sehr berührt und zum Nachdenken angeregt hat. 

Reinhard Schneider imitiert seine Skulptur des "Hackers" 2018 im Garten Pecoraro-Schneider
Reinhard Schneider mit seiner Skulptur des “Hackers”.

Ich nutzte die Chance, als der Künstler einen Moment verschnaufen wollte und bat ihn um ein Foto. Als ich anregte, dass er sich doch spiegelbildlich zum “Hacker” stellen könnte, holte er spontan ein Gartengerät und meinte: “Die Figuren haben keine Geräte, sie agieren alle wie Pantomime.” 

Dankbar für Sabine und Reinhards Gastfreundschaft möchte ich nun still den Garten und seine Menschen verlassen. Das Schlusswort gehört sowieso dem Künstler Reinhard Schneider:

“Eine Gartenkunst, die auf Achtsamkeit zielt, die die Herzen bewegt, das ist Ziel meiner Kunst im Garten, der Gartenkunst. Kunst ist Aufgabe und Verantwortung!” – Reinhard Schneider –

Wer gerne auf seine Seite schauen möchte, für den stelle ich den Link hierher. Dort erfahrt Ihr mehr über die Entstehung der Projekte und über Reinhards eigene Sicht seiner Kunstwerke.
https://reinhardschneidersite.wordpress.com/ 

PLZ 97478 Knetzgau, J.-v.-Wolnberg-Str. 54, 1000 qm groß, GdS, “dynamischer Bauern- und Skulpturen-Garten mit Atelier für Gartenskulpturen”

Garten Pecoraro-Schneider https://pecoraroschneider.com/ und https://www.facebook.com/gartentraeumeundraeume/ diese beiden Seiten beschäftigen sich mit dem Garten und von diesem gibt es hoffentlich noch in diesem Jahr einen aktuellen Post.

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4 Kommentare

  • Sabine Pecoraro-Schneider sagt:

    Liebe Renate, es ist einfach faszinierend und immer wieder treffend, Gärten und Kunst zu beschreiben – lieben Dank!! Wir freuen uns auf Deinen nächsten Besuch!

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Sabine, ich freue mich auch sehr darauf, es wäre schon ein Zeichen darauf, dass wir wieder etwas “Normalität” zurückgewonnen hätten, denn das ist momentan zu einem unfassbaren Luxus für uns Alle geworden.Ich wünsche Dir und Reinhard eine gute Woche. LG Wurzerl

  • Ich bin begeistert von Garten und Kunst… Aber du Renate hast es so eingehend beschrieben… Deine Leidenschaft für Kunst, Garten und den Menschen die die Gärten machen ist einfach so erfrischend und mitreißend… DANKE… Rainer und Sabine ich liebe euren GARTEN, die KUNST und die unaufdringliche Natürlichkeit, die so Selbstverständlich daherkommt… Das ist für mich KUNST in höchster Form

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Karin, vielen Dank für Dein Kompliment. Und…ja, ich liebe Reinhards und Sabines Kunst und Garten auch sehr – einfach, weil ich auch diese Menschen sehr schätze und mag. Wünsche Dir eine gute Woche. Wurzerl