Der Engelsgarten von Anita Rau

Der Engelgarten von Anita Rau in Frickenhausen

Die kleine unterfränkische Marktgemeinde Frickenhausen ist einer der ältesten mittelalterlichen Weinorte Mainfrankens. Geprägt durch Weinbau und eingebettet in die Tal-Landschaft des Mains, zeigt das historische Ortsbild noch heute Spuren seiner Bedeutung vom frühen bis zum späten Mittelalter mit seiner tausendjährigen Geschichte. Hier finde ich am Fuße einer Hang-Siedlung den Garten von Anita Rau. Diesen Garten, in dem die Engel spazieren gehen, möchte ich Euch heute gerne vorstellen.

Der malerisch geformte Apfelbaum, Malus ‘Biesterfelder Renette’, erinnert noch an die ehemalige Streuobstwiese.

Kennt Ihr das? Ihr betretet einen nie zuvor gesehenen Ort und habt das Gefühl, hier schon oft gewesen zu sein? Alles, was sich gerade vor meinen Augen ausbreitet, erzeugt bei mir genau dieses Gefühl der Wiederkehr an einen vertrauten Ort.

Die Äste der alten Bäume neigen sich mir freundlich zu. Üppige Ramblerrosen betrachten mich von allen Seiten. Strukturiertes Immergrün bringt meinem Inneren Ruhe und das entzückende Hühner-Häuschen schenkt mir das Gefühl von Geborgenheit. Der flache Garten-Teil liegt wie ein großzügiger, offener Park vor meinen Augen.

Sobald mein Blick den Hang hinauf schweift, sehe ich die blumige Üppigkeit eines terrassierten Bauerngartens. Er liegt  gleichberechtigt neben dem typisch fränkischen Haus, mit Spitzgiebel, Fensterläden und erhöhter Terrasse, das direkt in den Hang hinein gebaut wurde.  

Nun schreibe ich dauernd von meinen Empfindungen, die ich hege, seit ich diesen stimmungsvollen Garten betreten habe, es wird nun Zeit, dass ich Euch endlich auf meinem weiteren Spaziergang mitnehme. Ich höre schon Euren Protest, was das soll, dass ich ausnahmsweise meinen Gartenrundgang mitten im Garten am sogenannten Hühnerhäuschen beginne?!

Der Grund ist sehr einfach. Wir stehen hier tatsächlich in der Mitte, am Dreh- und Angelpunkt des Gartens. Den großen Apfelbaum und den Eingangsbereich zeigte ich Euch ja bereits in den ersten Fotos. Tatsächlich aber zog mich eine innere Schnur unaufhaltsam zum Hühnerhäuschen, wo ich nach kurzer Orientierungssuche anfing zu fotografieren. Beginnen wir also ausnahmsweise in diesem Garten, von diesem zentralen Punkt aus, die verschiedenen Ebenen des Hang-Areals zu erspüren.

Vor dem Hühnerhäuschen steht eine schlichte Sitzgruppe, passend zur blauen Stunde in den Farben des Abendhimmels im letzten Lichtstrahl gehalten. Farbe bringen die relativ klein gehaltenen Beete, die sich locker im Halbkreis um den Sitzplatz und das Häuschen gruppiert haben. Es ist zwar möglich um das Hühnerhaus ganz herumzugehen, jedoch geht es dahinter gleich steil nach oben in den farbenfrohen, sich herunterneigenden Bauerngarten. Die bunten unteren Beet-Kleckse, hauptsächlich mit Stauden und Rosen bestückt, sind eine wunderbare, starke Farb-Achse, die den unteren mit dem oberen Garten harmonisch verbinden. Auffällige Rosen, wie die Persische Rose ‘For your Eyes Only’ verbinden sich mit spontan auftauchendem, annuellen Mohn. Gelb blühende und apricotfarbige Rosen umgeben sich mit Frauenmantel; jede Rose findet hier ihre passenden Begleiter.

Dieser zentrale Bereich um das Hühnerhäuschen, der sehr viel Kraft ausstrahlt, ist fast von jedem Gartenbereich aus zu sehen. Anita Rau hat dort nicht nur bunte Blumeninseln geschaffen, sondern auch dem gegenteiligen Element Platz geschenkt, das den unteren Gartenbereich beherrscht. Die Peripherie, zur Straße gewandt, besteht aus einem grünen, halbhohen Gehölzrand, der die Straße aussperrt, sich aber die Baumwipfel des Auwaldes auf der anderen Straßenseite in den Garten hereinholt und so mit geliehener Landschaft noch mehr Tiefe erzeugt, was den Garten optisch verbreitert. Im Schatten von Hühnerhäuschen und Hang gibt es darum auch einige ruhige grüne Pflanzungen, die sich optisch über die Wiese hinweg mit der Peripherie verbinden.

Die Gestaltung des Peripheriebandes an der Straße ist sehr gelungen. Den Abschluss zur Straße bildet eine wellenförmig geschnittene Thuja-Hecke, in die ein Guckfenster hineingeschnitten wurde. Interessanterweise bildet das “Fenster” eine direkte Sichtachse wieder zum Herz des Gartens, zum Hühnerhäuschen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Passanten ihre Kleinkinder in der Weihnachtszeit hochheben, dass sie das dann beleuchtete “Knusperhäuschen” bewundern können.

Aber es gibt auch Schattenbeete und Gehölz-Inseln davor, die die ganze Gartenlänge hindurch mehr oder weniger breit nach hinten mäandern. Auffällige Eye-Catcher sind die Buchs-Bank, oder auch die Buchs-Schlange mit dem Krönchen auf dem Kopf. Besondere, aber vom Rasen aus nicht zu sehende Besonderheiten findet man, wenn man zwischen den Rand-Pflanzungen hindurchschlendert. Plötzlich stehe ich vor einem Sandstein-Grabkreuz, mit der keltischen Unendlichkeits-Schlange und den Namen von Anitas Eltern, Otto und Liesl Engel, versehen. Es steht seit dem Jahr 2000 hier im Garten und erinnert Anita täglich daran, dass sie 1981, nach dem Tod ihrer Eltern, wieder in ihr Elternhaus zurückgekehrt ist und zusammen mit ihrem Lebensgefährten Ulrich Seifert, einem Gartenbautechniker, den Garten so umgestaltet hat, dass man sich automatisch heimelig und von Engeln behütet fühlt und gerade im unteren Gartenbereich habe ich mich so manches Mal erwischt, wie ich leise auf Zehenspitzen weiterging, um die Engel im Garten nicht zu stören.

Rosa ‘Kiftsgate’ –   Rosa ‘Félicité Perpétue’ – Rosa ‘Bobby James’

Inzwischen habe ich den hinteren Teil des Gartens erreicht. Vom Hühnerhäuschen bin ich auf dem Rasen erst einmal zurück zum Eingangsbereich gegangen, begleitet von den mäandernden Beeten an der Mauer und der Peripherie, die einen spielerisch fließenden Übergang zum großzügigen Grün ohne Lineal-Kanten bilden. Was ich dann auf dem Weg innerhalb der Peripherie wieder nach hinten entdeckte, habe ich eben beschrieben. Als ich mich ungefähr auf der Höhe des Sitzplatzes seitlich vom Hühnerhäuschen mit den bunten Beetklecksen aufhalte, ändert sich dieses Bild völlig. Aus dem bis dahin geschlossen wirkenden unteren Garten fängt der Rasen plötzlich an, den Hang hinaufzulaufen. Nur ein schmales Mixed Border, das die obere Gartengrenze markiert und durch den Bauerngarten bis zum anderen Gartenende hindurch läuft, kann das gleichmäßig schöne Grün oben stoppen. Die Bäume werden höher und bleiben das auch die Breitseite vom unteren zum oberen Gartenbereich entlang, um für den Garten noch mehr Intimität und Intensität zu erhalten. Die Nachbarhäuser stehen, wie üblich, nahe an den Grenzen. Damit das alles nicht streng und abweisend, oder gar mauerartig wirkt, sind hier mit weißblühenden Rambler- und Climber-Rosen wie ‘Kiftsgate’, ‘Félicité Perpétue’ und ‘Bobby James’ tolle Kletterkünstler in die Bäume geleitet worden.

Während ich die himmelsstürmenden Rosen entlanglaufe, bin ich auch schon im oberen Gartenteil angekommen. Hoch über dem Bereich des größten herrlich bunten Beetkleckses neben dem Hühnerhäuschen, stehe ich jetzt mitten im Wassergarten. Dies verkürzt den rechteckigen Bauerngarten daneben, tut aber den Proportionen desselben gut.  

Fasziniert betrachte ich mehrere kleine Wasserbecken, mit und ohne Wasserspiel, mit Seerosen, Fröschen und kleinen Wasserflächen, in denen sich ein kleines Stück vom Himmel spiegelt. Die Anordnung ist auch ein wenig von der Lage vorgegeben. Teiche und seien sie noch so klein, brauchen ebene Flächen und hier stehe ich oben am Hang, schaue nach unten und bewundere, wie perfekt inszeniert sich die kleinen Wasserstellen auf diesem schwierigen Terrain behaupten. Alles im Engelgarten wirkt so leicht und selbstverständlich und natürlich, dass man gerne vergisst, welche Herausforderungen dieses Gelände ursprünglich an die Schöpfer von Haus und Garten stellte.

Natürlich hatte der Garten, als er von Anitas Eltern angelegt wurde, eine ganz andere Funktion. Da gab es die Streuobst-Wiese; einen großen Bereich, mit essbarem Gemüse, Salat und Beeren; das Hühnerhäuschen beherbergte nicht nur Hühner, sondern auch anderes Geflügel und ein Schweinchen. Selbstversorgung war damals ein wichtiges Thema!

Nachdem Anita erneut hier eingezogen war, begann für den Garten eine neue Ära. Er wurde zu einem Areal gestaltet, das den Seelen der Menschen gut tut, die ihn betreten. Für Anita ist er sichtbar auch das Vermächtnis ihrer Eltern, welches sie schätzt und hegt. So ist es kein Wunder, dass auch fremde Gartenbesucher die Anwesenheit von Engeln in diesem Garten spüren können, selbst wenn sie nicht wissen, dass Anita eine geborene Engel ist.

Ich stehe nun ganz oben am bunten Peripheriebeet und bestaune die abschließende Hecke, die, ähnlich wie in Nymans Garden in Südengland, wie eine Mauer mit Burgzinnen geschnitten ist. Üppig blühende Rosen, wunderbare, insektenfreundliche Begleitstauden, dahinter die lebenden Mauerzinnen und ein blauer Himmel über mir. Nein, hier muss ich nicht mehr auf Zehenspitzen gehen, die überschäumende Freude in diesem Gartenstück teilt sich mir sofort mit und ich betrete beschwingt den Bauerngarten.

Im oberen Gartenbereich sorgen Rosen, die an Bögen emporranken für Höhe und strukturieren den länglichen Garten, der wie ein klassischer Küchengarten einen Mittelpunkt hat, von dem strahlenartig schmale Arbeitswege wegführen. Das Gemüse, der Salat und die Kräuter sind bereits zum Großteil geerntet und verarbeitet. Darum zielt meine Kamera natürlich automatisch in die Blütenpracht der Rosen wie: ‘Ghislaine de Féligonde’, ‘Maria Lisa’, ‘Swany’, der ‘Eden Rose’, ‘Mozart’ oder ‘Louis Odier’.

Ich erzählte Euch ja am Anfang unseres Spazierganges über das Hühnerhäuschen, dass ich es für den kraftvollen Mittelpunkt des Gartens halte. Man kann es von vielen Stellen aus ins Visier nehmen. Voilà, ja, auch vom oberen Garten aus ist es zu sehen. Mit den bemoosten Dachschindeln wirkt es, von oben betrachtet, noch gemütlicher.

Irgendwie bin ich wie berauscht von der Blütenfülle und fotografiere mit einem besonderen Flow diese Blumen-Symphonie. Tatsächlich erwache ich aus einem Tagtraum, als ich zum Kaffee auf die Terrasse gerufen werde.

Es nützt mir nun gar nichts, wenn ich mich als ausgesprochene Kaffeetante oute, denn in diesem Moment wäre ich gern noch eine Weile im Duft der Rosen geblieben, um weiter die verzaubernde Atmosphäre dieses Gartens zu genießen.

Natürlich freue ich mich dann auch über das Fachsimpeln mit meinen Begleiterinnen und vor allem unserer Gastgeberin Anita Rau. Oben auf der Terrasse stehen nicht nur Topfpflanzen, auf der Balustrade ist auch eine wunderbar bepflanzte Mauerkrone zu sehen. Mein Blick gleitet ein letztes Mal über den unteren Garten… dann sehe ich die geöffnete Gartentür, über der eine der vielen Rosen zu schweben scheint… Bald ist es soweit und ich werde diesen Tagtraum verlassen. Vielen Dank liebe Anita Rau, dass ich für eine Weile Deinen Garten genießen und Deinen Engeln nachspüren durfte.

Natürlich gibt es nun auch ein Video vom “Gartenengel Anita” für Euch zum Anschauen und Anhören. Also macht bitte Euren Ton laut und klickt auf das Bild und schon steht Ihr mit Anita unter ihrem Hausbaum.

PLZ 97252 Frickenhausen, Ochsenfurter Str. 46, Anita Rau, Mail.Addi. anita@rau-mail.de Tel. 09331/89088 

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12 Kommentare

  • Anja Rau sagt:

    Liebe Renate……ich bin ganz beglückt von Deinem wundervollen Artikel über den Garten meiner Mutter, der auch ein Teil von mir ist und mit dem ich innerlich verbunden und verwoben bin und der mich ein Leben lang schon begleitet und sehr prägend für mich war. Du hast den Garten und sein Wesen so wunderbar erfasst und erspürt und beschreibst und vermittelst, was den Garten ausmacht und so besonders macht. Das ist der tollste Bericht, den ich je über diesen Garten gelesen hab. Auch die Fotos sind wunderschön. Tausend Dank dafür 🙏🙏🙏❤️. Anja

  • Susanna sagt:

    Liebe Renate,
    da hast du wieder einen wunderschönen Garten entdeckt! Hanggärten gelten oft als Problemgärten. Hier sieht man, wie fließend und stimmig sie angelegt sein können und welchen zauberhaften Charme gerade diese Lage einem Garten verleihen kann. Von der Pracht der Rambler bin ich wieder einmal überwältigt: soooo herrlich!
    Liebe Grüße
    Susanna

    • Das Wurzerl sagt:

      Ja, liebe Susanna, Hanggärten sind wirklich eine Herausforderung, aber oft werden sie sehr geschickt, individuell gemeistert. LG Wurzerl

  • Christa Schroth sagt:

    Liebe Renate, danke für diesen
    Bericht über diesen besonderen Garten. Ich hab den Zauber des Gartens wieder gespürt und konnte in die Erinnerung eintauchen

    • Das Wurzerl sagt:

      Das freut mich liebe Christa, es sind doch schöne Erinnerungen, wenn wir immer wieder virtuell in die besuchten Gärten zurückkehren können.
      LG Wurzerl

  • Helma Willand sagt:

    Liebe Renate, dieses Paradies steht auch auf meiner Liste von Wunschgärten, die ich mir gerne persönlich anschauen möchte. Nun hast Du mir mit Deinen wundervollen Impressionen und dem inspirierenden Text “Lust auf mehr” gemacht. Dankeschön dafür!

    • Das Wurzerl sagt:

      Oh ja, liebe Helma, Ihr werdet Euch auch wunderbar mit Anita verstehen. Ich bin mir sicher, Ihr habt eine ähnliche Wellenlänge. LG Wurzerl

  • Wunderschön…absolut meins…Renate Ich verstehe deine Worte..dieser Garten verzaubert einen vom ersten Augenblick an …Danke fürs Mitnehmen
    Liebe Grüße Karin

  • Erika Elferink sagt:

    ein wunderschöner Garten, der verzaubert aussieht. Natürlich auch wieder toll beschrieben mit tollen Bildern von Dir liebe Renate.