Chiemgau-Kaktus – viel mehr als der Name sagt

Echinopsis Hybride

” Der Kaktus-König aus dem Chiemgau ”

” Der Kaktus-König aus dem Chiemgau ” titelte die SZ Ende Juni 2021 online und brachte damit ein sehr liebevolles Porträt von Michael Kießling, mit seinem Werdegang zum Kakteen-Züchter heraus. Mir persönlich war diese Reduzierung allerdings zu einfach. Sie wird Michael einfach nicht rundum gerecht  und so besuchte ich ihn nach längerer Zeit endlich einmal wieder, um Euch Michael als Naturfreund, “Habitat-Experimentierer” und Pflanzenliebhaber vorstellen zu dürfen, der stets seinen eigenen Weg gegangen ist. Natürlich werfen wir auch einen Blick in seine Kakteen-Quartiere.

Ankunft, Eingangsbereich und der Teich

Schon als ich aus dem Auto aussteige, werde ich an der Haustür mit einer liebevoll flapsigen Bemerkung empfangen und wir fangen schon zum Lachen an, noch bevor wir über die Pointe nachgedacht haben. Michi ist immer fröhlich und sein Lachen würde mich auch anstecken, wenn ich dazu normalerweise in den Keller gehen würde. Bald lachen wir zu Dritt, denn Helmut, der Partner von Michael ist zu uns gestoßen und klärt schon mal das wichtigste, das Kaffee-Timing.

Ehrlich gesagt, fällt es mir ausnahmsweise schwer, mich auf Kaffee und leckeren Kuchen zu konzentrieren, solange ich meinen Blick nicht von der berühmten bepflanzten Vertikal-Wand im Eingangsbereich abwenden kann. Boah, ist das schön, verschiedene Blatt-Schönheiten der Gattung Heuchera sind zusammen mit kontrastreichen Gräsern, Farnen und anderen Stauden in die Hauswand integriert. Blaue blühende Wellen von der kriechenden Glockenblume, Campanula poscharskyana,  mäandern durch die gesamte Fläche. In der Nähe finden sich Raritäten wie Palmfarne und seltene Passionsblumen, wie Passiflora ‘Marijke’. Den Vogel schießt allerdings der weiße Puderquastenstrauch, Calliandra haematocephala ‘Alba’, ab. Ich kenne die rot Art aus der Dominikanischen Republik oder dem Botanischen Garten in Teneriffa, die weißblühende ‘Alba’-Sorte besitzt der Kakteen-Michi!

Dann bin ich auch schon mit dem Michi unterwegs in seinem vielfältigen, botanischen Reich. Die Nachmittagssonne wirft gerade einen sanften Schleier über den großen Naturteich, in dem sich die Wasserfrösche faul räkeln. Am Ufer recken Sarracenia-Schlauchpflanzen (Insektivoren)  mahnend ihre Finger in die Höhe. Und die blauen Büschel des wilden Natternkopfs entwischen flirrend dem Schleier der Sonnenflut.

In den beiden Becken des natürlich angelegten Schwimmteichs lümmeln und sonnen sich die Wasserfrösche, verteidigt die große Königslibelle ihr Revier und lauern die Schlauchpflanzen (Sarracenias) auf Beute. Nymphaea ‘Madame ‘Wilfron Gonnère’ thront wie ein kostbarer Edelstein neben ihren Blätter-“Leucht-Spots” auf dem Wasser.

Ich unterhalte mich gerade mit einem der Wasserfrösche, als Helmut zum Kaffee ruft. Das bepflanzte Dach der Pergola habe ich schon bewundert und mit dem Teich fotografiert, jetzt sitze ich im Schatten darunter und lasse es mir schmecken. Meine Geduld dauert gerade einen Kuchen lang, dann bin ich schon wieder auf dem Uferweg unterwegs.

Im großen Reich der Freilandsukkulenten

Denn so selbstverständlich wie die Sumpfzonen-Bepflanzung wirkt, so ungewöhnlich ist der sich lange hinziehende Steingarten mit einer Unmenge verschiedener Sukkulenten wie Sedum, Saxifraga oder Sempervivum, von denen viele gerade zu blühen anfangen. Die vielen kleinen Dickblattgewächse sind schon ein kleiner Fingerzeig, wo es nun schnurstracks auf dem Kiesweg hinführt.

Im ersten Moment realisiere ich gar nicht, wohin ich gelange, wenn ich die Holzpforte öffne. Meine Augen sind bei den riesigen Kübeln hängengeblieben, die teilweise mit Unterpflanzung links vor Gesundheit nur so strotzen. Der blaue Agapanthus traut der Witterung noch nicht recht, aber ich denke, kaum sitze ich im Auto um heimzufahren, wird er sagen: “Ätsch, da bin ich.”

Schließlich habe ich verstanden wo ich stehe, es ist ein Bachlauf, dessen Wasser nur selten angestellt wird. So haben sich verschiedene Polster, allen voran das braunrote Stachelnüsschen, Acaena inermis ‘Purpurea’, großflächig breitgemacht. Sie sind auch nicht wirklich zu beeindrucken, wenn Michi den Hahn aufdreht und aus der Zinkgießkanne das Wasser auf die Steine springt, um dann schnell dem Teich zuzustreben.

Kaum verlässt man den großen Steingarten der sich hinter dem Trockenbachlauf breit macht, springen einen weitere Sukkulentenpflanzen auf Mauerkronen an. Teilweise ausgepflanzt, oder klassisch in Dachpfannen oder anderen Gefäßen bieten sie abwechslungsreiche Bilder, die auch ohne Blüte ungemein schmückend wirken.

Offenbar bin ich nicht die einzige Freundin von Wurzerl-Arrangements. Franzi genießt sie auch zusammen mit der Wärme, welche die Mauer abstrahlt.

Dann gehe ich wieder zurück zum Teich, um endlich einen Blick in die Gewächshäuser zu werfen. Aber ich komme gar nicht hinein. Erstens ist alles offen und gut von außen zu sehen und dann bin ich ja ein Fan der winterharten Kakteen und die wachsen mir schon entgegen, je näher ich dem Eingang zu den Kakteen komme.

Draußen fallen mir besonders die Feigenkakteen auf, einige der Opuntien hat Kaktus-Michi selber gezüchtet. Eine besondere Schwäche hat er für die ‘kleine Mathilda’, benannt nach der mittelalterlichen Mathilda (die Tapfere). Aber sobald das Wort Kaktus fällt wird Michael sowieso schwach. Seinen Stolz über die “gut sortierten Leckerlis” kann er kaum verbergen. Aber er hat recht, denn es gibt kaum einen Kakteengärtner, der das toppen kann, was sich hier vor meinen Augen ausbreitet. Echinocereus ist für Michael die wohl wichtigste Gattung, aber auch die Escobarien, Lobivien, Gymoncalycien, oder die winterharten Opuntien begeistern ihn restlos. Ich denke, ich kann ruhigen Gewissens die Zahl von 50 000 Kakteen ins Rennen werfen, die in den Gewächshäusern und draußen gedeihen.

Kakteen sind eigentlich Dauerbrenner und das ist gut so. Denn so können sie es sich leisten resistent gegen Modetrends zu sein. Denn Trends kann man bei Kakteen weder vorausahnen, noch in Kürze schaffen. Das Züchten ist nämlich eine langwierige Angelegenheit. Bei Chiemgau-Kaktus werden die Samen in Plastiktüten gepackt. Dort keimen sie und nach mehreren Monaten kommen sie in einen Topf. Erst im dritten Jahr werden die Baby-Kakteen pikiert und nach weiteren zwei bis drei Jahren sind sie groß genug um verkauft zu werden. Dieses Aussaat-Verfahren nennt sich Fleischer Methode.

Über die Kakteen-Gärtnerei oder den Kakteen-Gärtner gäbe es noch viel zu erzählen, aber ich wollte mich ja nicht bei den “Stacheligen” festsetzen. Nur noch ein Tipp für die “Wohnzimmer”-Gärtner. Wer sich einen Liebling von Michi als Wohnraum-Dekoration kaufen will, der kann sich die Fahrt nach Pittenhart sparen, denn dafür züchtet er sie absolut nicht. Am liebsten würde er sie sowieso alle behalten, aber man muss ja auch von etwas leben und das Freigelände ist auch eine permanente Sparbüchse. Sobald der Kaktus-Michi etwas sieht, was ihm gefällt und ihm gefällt alles, was nicht völlig “Mainstream” ist, möchte er es in seinen Garten pflanzen. Das Sukkulenten-Gelände ist ja noch überschaubar, aber es gibt viele Ecken und Gartenteile, wo man einfach von immer wieder neuen, ganz anderen Pflanzen überrascht wird.

Wenn sich die Salbei-Freunde gemeinsam auf Salvia ‘Amistad’ stürzen, blüht es in Pittenhart in behaartem Pink als Salvia oxyphora. Oder wer kann schon von sich behaupten, dass er einen Präkarnivor besitzt? Bei Michi gedeiht Ibicella lutea, die Gelbe Einhornpflanze, ganz prächtig. Habt Ihr schon einmal etwas von einer kletternden Alstroemeria gehört? Hier kein Problem, die Blüten von Bomarea multiflora haben mich so fordernd angeschaut, voilà, hier ist sie. Und ich könnte noch eine ganze Weile so weitermachen. Aber langsam will ich doch zum Ende kommen.

Zugepflasterte Stellen gibt es kaum, Kiesflächen sind zum Begehen, aber auch das Refugium für viele Wildpflanzen, die den Insekten zu Diensten sind. Die Feuerstelle für gemütliche Abende bildet in einer von mehreren solchen Flächen den Mittelpunkt. Hinter der Holzbank blüht die Lieblingsrose von Michael. Die Pflanzenvielfalt ist erstaunlich, aber mit Beth Chattos Motto: “right plant – right place” ist so vieles möglich. Gibt es für eine Wunschpflanze nicht den richtigen Platz – oder ist sie partout nicht winterhart, dann wandert sie vorsichtshalber in einen der großen Kübel.

Ich bin langsam am Ende mit meiner kleinen Reise durch eine große Botanik. Wir stehen erst an der Ruinenmauer, wo für Michael die Gartengestaltung begann und lachen uns dann noch an der Mauer vorbei auf die Straße. Ich muss noch die Parkbucht bewundern. Äh, hm, doch eigentlich wäre es eine, aber sie ist längst von vielen Ruderal-Eroberern eingenommen worden. Und Michis Kundschaft weiß genau, wer falsch parkt, nämlich hier am Parkplatz, der geht unter Umständen ohne neue Kakteen-Schätze nach Hause. Noch interessanter finde ich die “Mauer” aus Cortenstahl, ich sage darum nicht Cortenwand, weil oben tatsächlich eine Konstruktion ist, die eine herrlich bepflanzte Mauer-Krone darstellt.

Ich weiß nicht wie es Euch ergeht, aber mich hat diese spürbare Lust auf Natur, diese Leidenschaft und Achtsamkeit für alle Lebewesen, dieses Brennen für besondere Pflanzen nicht zum ersten Mal wieder stark beeindruckt. Als Michi sinngemäß zu mir sagt, dass er mich sehr gerne mag, weil ich genauso verrückt auf Pflanzen bin, wie er selber, da ist das schon fast wie ein Ritterschlag.

Bevor ich mich leise verkrümle, möchte ich Euch hier noch das Video vorstellen, das Michael Kießling für Euch gemacht hat. Irgendwie war ich plötzlich gedanklich beim “Kleinen Prinzen” gelandet, als ich es das erste Mal sah. Dabei ist Michael gewiss nicht klein und in seiner Kakteen-Zunft und als naturliebender Mensch ist er sogar ein ganz Großer. Vergesst bitte nicht den Ton laut zu stellen und dann wieder einfach auf das Bild klicken und genießen.

PLZ 83132 Pittenhart, Am Bahnhof 18, ca. 2500 qm, Mitglied der Gesellschaft der Staudenfreunde, “Schaugarten mit ausgefallenen Gehölzen und Stauden, Schwimmteich, Trockenbachlauf, vollsonnige Kiesgärten und Schattenecken, Dachbegrünung, vertikale Wand und Kakteen-Gärtnerei Schwerpunkte: Gewächshäuser mit Kakteen für kältere Bereiche, sowie frost/winterharte Formen, Beipflanzen”, Chiemgau-Kaktus, Kontakt: Michael Kießling, Email:Michael Kiessling@web.de, Website: https://chiemgau-kaktus.de/

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14 Kommentare

  • Gertrud Diekmann sagt:

    Ein wunderbare Anlage und ein sehr sympathischer Michael. Werde ihn kontaktieren zwecks der Winter und frostfesten Kakteen. Danke liebe Renate für deine schönen Bericht.

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Gertrud, Michael liebt seine Pflanzen und verkauft sie nicht als Deko. Dann behält er sie lieber. Ich werde ihm sagen, wie viele schöne Stauden Du hast und wie sorgsam Du sie pflegst. Das wird ihm gefallen. LG Wurzerl

      • Gertrud Diekmann sagt:

        Ich hätte gerne noch ein Paar für mein Kakteenbeet Frostfeste müssten es sein. Wenn ich bei ihm anfrage, ob er mir dann wohl Tips und gute Sorten nennt ? Oder verkauft er über Haupt nicht? LG Gertrud.

        • Das Wurzerl sagt:

          Liebe Gertrud, natürlich verkauft er auch online. Er hat weltweit Kunden, da sein Sortiment schon besonders ist. Ausgepflanzte im Alpenvorland siehst Du auch auf meinem Website-Beitrag. Die rosafarbene Opuntie ist doch zum Verlieben, oder? Wenn Du auf seiner Website nicht klar kommst, dann melde Dich einfach nochmal bei mir, dann kriegen wir das schon zusammen hin. Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag. LG Wurzerl

  • Susanna sagt:

    Liebe Renate,
    ich habe es nicht so mit Kakteen, aber der Garten ist so vielfältig und liebevoll gestaltet! Vielen Dank für den Ausflug.
    Liebe Grüße aus meinem Garten,
    Susanna

    • Das Wurzerl sagt:

      Liebe Susanna, es war mir ein Bedürfnis, diesen liebevoll bepflanzten Naturgarten zu zeigen. Er ist so lebendig und man spürt die Liebe zu den Pflanzen in jeder Ecke und Mauerkrone. Ich grüße Dich zurück und wünsche Dir schon mal ein schönes Wochenende. LG Wurzerl

  • Uwe Greßmann sagt:

    Sieht alles mega aus und ich hoffe, dass unser Vertikalbeet im nächsten Jahr auch ähnlich dicht ist.

  • Das ist ja echt schön, so viele Details und die Wand ist der Hammer!
    Viele Grüße
    Elke

    • Das Wurzerl sagt:

      Ja, die Vertikalwand ist besonders, aber auch die verschiedenen Bepflanzungen der Mauerkronen und Dächer. Ich wünsche Dir einen guten Sonntag. LG Wurzerl

  • Helma Willand sagt:

    Ein ganz besonderer, ausgefallener Garten mit Pflanzen, die faszinierend sind! Deine Fotos bringen das perfekt rüber, danke dafür!
    Gruß Helma

  • Du rührst mich zu Tränen, so liebenswert und mit Leidenschaft geschrieben meine allerliebste Renate! Man merkt söfort, wie sehr Du für die Materie lebst, meinen höchsten Respekt für all die viele Arbeit die Du Dir machst! Freuen uns auf ein Wiedersehen

    • Das Wurzerl sagt:

      Es ist doch schön, wenn man ähnlich verrückt für etwas brennt. Deinem Garten sieht man Deine Seele so sehr an, dass man gar nicht anders kann als mit größter Liebe und Begeisterung darüber zu berichten. Ich freue mich sehr, dass Du meinen Beitrag magst und wünsche Euch eine gute Woche. LG Wurzerl