Packwood House , Warwickshire

Packwood House

Das Herrenhaus ‘ Packwood House ‘

‘Packwood House’ liegt nahe dem Dorf Lapworth in Warwickshire. Seit 1941 ist es im Besitz des National Trust. English Heritage listet es als historisches Bauwerk des I. Grades. Die edlen Möbel und Wandteppiche hätten sicher einen Besuch gelohnt. Aber wie so oft, muss man sich bei Gruppenreisen entscheiden, Haus oder Garten anzusehen und natürlich habe ich mich wie (fast) immer für den ca. 3 ha umfassenden Garten entschieden.

Trotzdem lohnt es sich, ein wenig die Geschichte des Hauses zu durchleuchten, das anfangs lediglich ein bescheidenes Fachwerkhaus war. Der Rechtsanwalt John Fetherston ließ es um 1600 erbauen. 1876 starb das letzte Familien-Mitglied ‘Fetherston’, so gelangte das Anwesen 1904 in den Besitz des Industriellen Alfred Ash aus Birmingham.

1925 erbte es Graham Baron Ash (Baron ist hier ein Name, kein Titel), der in den folgenden 20 Jahren ein schlichtes Herren-Haus im Tudorstil, mit den damals typischen imponierenden Schornsteinen erbauen ließ. Das kostbare Interieur aus dem 16. und 17. Jh. stammt ebenfalls aus der Zeit von Graham Baron Ash. Die große Scheune des Hauses wurde zu einer weitläufigen Halle, ebenfalls im Tudorstil, mit einem Schwingboden umgestaltet und für Tanzveranstaltungen genutzt. 1931 wurde die Halle mittels einer großen Galerie mit dem Haupthaus verbunden. Im Jahre 1941 übergab Ash den Haus- und Garten-Besitz an den NT, zum Andenken an seine Eltern, blieb aber bis 1947 dort wohnen.

Drei Hektar Garten brauchen einen Plan !

Betritt man den Eingangsbereich, ‘Property Entrance’, liegt auf der rechten Seite des East Court das Haus-Ensemble. Links befindet sich der langgezogene Garten mit seinen beiden Hauptbereichen, dem ‘Carolean Garden’ und dahinter, von der ‘Raised Terrace’ abgetrennt, dem historischen ‘Yew Garden’. Rote Ziegel-Elemente, unterschiedliche Rabatten und alte mächtige Eiben die als Themen-Topiary geschnitten sind, beherrschen die Szenerie.

Ebenso imposant ist auf der anderen Seite des ‘Property Entrance’, getrennt durch einen breiten Wirtschaftsweg, der ‘Kitchen Garden’, ein bemerkenswerter Küchengarten. Das komplette Ensemble wird rundum von Obstbaum-Wiesen und einer Parklandschaft, die oft unmerklich in eine Wilderness übergeht, beherrscht. Im Norden wird sie von einem großen See dominiert, mächtige, alte Solitär-Bäume oder kleinere Baumgruppen beleben die Landschaft rund um ‘Packwood House’.

‘ Carolean Garden ‘, der Mauergarten

Der große, beeindruckende ‘Carolean Garden’ ist von Graham Baron Ash als Mauer-Garten angelegt worden. Der Name bezieht sich auf die Regierungszeiten von König Karl I. und II. von England, in welcher das erste Haus von John Fetherston erbaut wurde.

Schon auf alten Fotografien vom Beginn des 20. Jh. sieht man einen Bepflanzungsstil in den Rabatten, den der National Trust dem Mingled Style (Mischstil) zuordnete. Mick Evans, der Obergärtner in Packwood House, rekonstruierte ehemalige Border im ‘Carolean Garden’; bereits vorhandene Rabatten gestaltete er um. Dabei kamen Evans seine Erfahrungen, die er in Sissinghurst und Powis Castle sammeln konnte, durchaus zugute. Eine ältere Rabatte in Haus-Nähe, die in Pastelltönen angelegt wurde, ist kaum verändert worden. Dadurch entsteht ein interessanter Kontrast zu einigen anderen (warmtonigen) Beeten.

Die Mauer vor dem Sunken Garden  gehört der Königin der Blumen, der Rose. Die rote Polyantha-Rose ‘Lili Marlene’ ist abwechselnd mit der gelben Floribunda-Rose ‘Bright Smile’ von David Austin, als Beetrose im Vordergrund platziert. Im Hintergrund erobern die gelbe Kletterrose ‘Leverkusen’, die sich mit ‘Lili Marlene’ verbandelt und die rote Kletterrose ‘Dortmund’ der sich die ‘Bright Smile’ beigesellt ebenso abwechselnd die alten roten Mauern von Packwood. Die Rosenpaare werden von Eibenmauern getrennt.

Der Senkgarten selber könnte kein größerer Kontrast zu den Mauer-Beeten sein. In einer langgezogenen, formalen Rechteckform, abgezirkelt von einer Eibenhecke, betritt man durch eine Hecken-Öffnung den ‘Sunken Garden’. In dessen Mitte, tiefer als die umgebenden Sandbeete platziert, nimmt ein langes ebenfalls rechteckiges Wasserbecken die Form  wieder auf. Drei Treppenstufen führen im Eingangsbereich auf den umrahmenden Rasen des mit Flechten überzogenen, gemauerten Beckenrandes.  

Auch wenn die größtenteils exotischen Stauden und Geophyten im Sandbeet mit einer fröhlichen bunten Blütenpracht aufwarten, so dominieren sie keineswegs den Senkgarten. Ich finde, es ist ein wunderbares, harmonisches Zusammenfügen völlig unterschiedlicher Elemente und ich würde die Qualität unbedingt mit den Senkgärten von ‘Great Dixter’ oder dem “Karl Foerster Garten” in Potsdam gleichsetzen.

Viele Pflanzen wie Salvia africana-lutea, Gazania ‘Tiger Eye’, Morina longifolia und viele andere, begegnen mir hier das erste Mal.

Es ist wirklich schwer, sich von diesen hochinteressanten Pflanzen in den Sandbeeten, die ich auch ganz wunderbar in Augenhöhe betrachten und fotografieren kann, loszureißen. Dieser formale Senkgarten mit dem versunkenen Wasserbecken, das überhaupt nicht nüchtern wirkt, und die gleichförmigen erhöhten Sandbeete haben es mir total angetan. Aber der ‘Carolean Garden’ hat noch viel mehr zu bieten.

Die gemischten Rabatten des Mauergartens laufen parallel zu den Wegen im rechten Winkel aufeinander zu. Diese Beete wurden in zwei Wintern 2005/6 lediglich mit der Hilfe alter Fotos, da es keine Pflanzpläne gab, rekonstruiert. Als ‘Anchor Plants’ so nennt man in England architektonisch wertvolle Gerüstpflanzen, entdecke ich in den Beeten Yucca recurvifolia und Stipa gigantea. Silberlaubige Begleit-Stauden wie Artemisia ‘Silver Queen’ und vorwiegend Blüten in Blautönen (z.B. Salvia nemorosa, Baptisia australis) oder altrosa und weinroten Farben (z.B. Campanula punctata ‘Cherry Bells’, Nicotiana alata ‘Gala’) schenken der langen Rabatte einen romantischen, und vornehmen  Zauber.

Am Pavillon-Ausgang in den Landschaftspark von ‘Packwood House’ streift die Bepflanzung zugunsten eines puren blau-rosa Blüten-Feuerwerkes die silber-grüne Vornehmheit ab und wirft sich temperamentvoll blühend über Mauer und Pavillon. Damit wird farblich geschickt betont ein Bezug zu den eben gezeigten Rabatten hergestellt. Ich gehe jetzt aber nicht mit Euch durch das Tor, auch wenn die Landschaft noch so verlockend hereinwinkt, als nächstes erwarten uns nämlich die 12 Apostel.

‘ Raised Terrace ‘, die erhöhte Terrasse und ‘ Yew Garden ‘, der Eibengarten

Die ‘Raised Terrace’, eine erhöht gebaute schmale Terrasse, trennt als Querachse, mit überschäumenden hohen Stauden-Wolken und einem relativ schmalen Mittelgang den Mauergarten vom alten Eibengarten. Halbrunde Treppen unterbrechen den geradlinigen Verlauf dieser Quer- und Sichta-Achse. Markiert wird diese durch ein freistehendes Tor. Von dort öffnet sich der Blick in vier Richtungen, zum Hausensemble, dem Eibengarten und den beiden Terrassen-Seiten, die sowohl am Anfang, als auch am Ende von je einem kubischen Pavillon, auch Gazebo genannt, begrenzt werden.

Die ‘Raised Border’ sind ungefähr 40 m lang und dabei nur 1.50 m breit. Ich habe selten eine so dynamisch, vertikal wirkende Bepflanzung gesehen. Es ist eine üppig dominante Anhäufung von Gerüst-Pflanzen  vorhanden (z.B. Helianthus salicifolius, Euphorbia mellifera, oder Aeonium ‘Zwartkop’), so dass man auf der Fläche niemals eine Pflanzenvielfalt von etwa 600 Arten und Sorten vermuten würde. Geht man den schmalen Mittelweg entlang, hat man das Gefühl, als ob sich die immer neu und anders auftürmenden Pflanzen jeden Moment auf einen zubewegen würden. Schaut man nach unten, dann sieht man Bodendecker, die sich zwischen den hohen Pflanzen Lücken suchen, um sich auf den Weg zu schlängeln. Genau dieses Ineinanderweben  der unterschiedlichen Arten und Sorten ist mit dem Begriff ‘Mingled Style’ gemeint.

Die ‘Raised Border’ existierten schon früher, aber der seit 1999 verantwortliche Obergärtner Mick Evans verpasste ihnen mit einem ‘hot style’ aus warmen Farbtönen eine Frischekur.

Im bekanntesten Teil, dem alten Eibengarten, stehen weit über 100 Jahre alte Bäume. Mitte des 17. Jh. ließ John Fetherston, ein Rechtsanwalt, den Yew Garden anlegen, dessen Gehölze zwar nicht mehr die ursprünglichen sind, was dem für Eiben ungeeigneten schweren Tonboden angelastet werden muss, aber sie repräsentieren immer noch die ursprüngliche Symbolik. Die mit Topiary-Schnitt gestalteten Bäume stellen die “Bergpredigt” dar. Die zwölf großen Eiben sind die Apostel und die vier Exemplare in der Mitte stehen für die 4 Evangelisten.

Am Ende des Eibengartens befindet sich in der Mitte ein Hügel, ‘The Mount’. Von Buchshecken eingefasst schraubt sich hier ein enger Weg bis zum Gipfel. ‘The Master’ wird die einzelne Eibe genannt, die diesen Gipfel krönt, es gibt an ihrem Fuß eine Bank von der man einen wunderbaren Blick über den Garten bis zum Haus-Ensemble hat. Kleinere Eiben im ‘Yew Garden’ wurden erst im 19. Jh. anstelle eines Obst-Haines gepflanzt.

Landschaftspark , Wilderness , Fontänengarten und frühere Haus-Auffahrt

Erneut gehe ich durch das wunderschöne schmiedeeiserne Tor und trete hinaus in die ‘Lakeside Meadow’, die Wiese die sich vor dem großen See ausbreitet. Wasser lockt mich an, also gehe ich bis zum Ufer. Eine gepflegte Parklandschaft mit hohen alten Solitär-Bäumen wechselt sich hier mit ungemähten Blumenwiesen und Gehölz-Gruppen ab.

Ich liebe solche Kontraste: ein streng geschnittener Eiben-Garten, daneben eine Wiese voller blühender Margeriten oder, das überschäumende lange Border der erhöhten Terrasse und außerhalb der Mauer eine große ruhige Wasserfläche.  

Ich gehe zurück zum Haus, diesmal auf die Westseite (West Court), verlassen hatte ich den ‘Carolean Garden’ über die Ostseite (East Court). Der West Court war früher die Zufahrt der Besitzer zum Herrenhaus. Im Fountain Garden ist der alte ‘Plunge Pool’ (ein Kaltwasser-Becken) zu sehen, es ist noch genauso original aus der Zeit um 1680 erhalten, wie die umgebenden Eibenhecken.

Kitchen Garden ‘ der Küchengarten

Es wird Zeit zu gehen. Schräg gegenüber des Herrenhauses ist der Küchengarten, den ich unbedingt noch sehen möchte. Beide Areale sind nur vom Wirtschaftsweg getrennt, der zum Bus-Parkplatz weiterführt, aber soweit ist es noch nicht.

Ich liebe diese klassisch, formalen alten Garten-Muster mit den einfachen Wegkreuzen und einer betonten Mittel-Rundung, die hier mit einem Brunnenbecken markiert ist. Es gibt sie schon seit vielen Jahrhunderten, in den frühen Klostergärten ist diese Aufteilung ebenso zu finden, wie in den alten Potager (große Küchengärten in Frankreich), auch in kleineren Cottage-Gärten gab es zuweilen diese schlichte Einteilung, die erst dann perfekt war, wenn sie mit etwas Buchs, oder in den Apotheker-Gärten mit halb verholzenden Kräutern eingefasst wurde.

In jedem der vier großen Rechteck-Beete des Küchengartens dominiert zwar ein Pflanzenthema, aber generell sind in allen Sektionen Blumen für die Dekoration des Hauses und vor allem offene, bei Insekten beliebte Bestäuber-Blüten zu finden. Trotzdem ist erkennbar, dass es jeweils einen Gartenteil für Kohl, Gemüse, Früchte und Kräuter, sowie Beerensträucher gibt. Vermutlich gab es mit den alten Buchs-Umrandungen Probleme, denn an vielen Stellen waren erst kleine Setzlinge zu sehen.

Ich kann nicht sagen, ob meine Füße sich nach ein wenig Ruhe sehnen, mein Kopf so angefüllt mit Eindrücken ist, oder der Küchengarten meinen Magen plötzlich zum Knurren bringt. Auf jeden Fall gehe ich mit meiner Foto-Ausbeute mehr als zufrieden zurück zum Bus und freue mich schon auf das nächste Abenteuer in einem wieder ganz anderen britischen Garten.

Packwood House, NT, ca. 3 ha, (alter Eibengarten, Küchengarten, Senkgarten, Terrassengarten, Mauergarten, vieles im Mingled Style) Packwood Ln, Solihull B94 6AT, Warwickshire

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